„Mein Gott ist das verspannt hier“

„Sie werden langsam lauter, die Väterblogs“, analysierte Spiegel Online im Mai. Es gibt immer mehr davon und sie erreichen ein beachtlich großes Publikum – zumindest gemessen an den likes ihrer Facebook-Seiten. Ich lese nicht nur regelmäßig Väterbücher, sondern beobachte natürlich auch andere Väterblogs. Seit zwei Wochen habe ich nun auch solch ein Vaterblog. Hier soll in Zukunft hin und wieder unter anderem ein kritischer Blick darauf geworfen werden, was andere Väter so in ihren Blogs, Büchern oder anderweitigen Texten von sich geben.

Mein Eindruck ist, dass sich an den behandelten Themen in den Väterblogs in etwa ablesen lässt, wie viel Zeit die jeweiligen Väter mit ihren Kindern verbringen und wie viel care-Arbeit sie innerhalb der Familie übernehmen. In den Blogs derjenigen Väter, die mutmaßlich eher weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen, geht es vor allem um Coolness und Entspanntheit. Sie richten sich an „coole Daddies und die, die es werden wollen“ und verorten sich bewusst „abseits der rosa gefärbten Mamiwebs“. Die Frage, ob es in Ordnung sei mit Kindern bei Rot über die Ampel zu gehen, wird mit einem lässigen „Ja, man muss sogar, denn sonst ist die Bahn weg“ beantwortet. Und genau diese „wohltuende Entspanntheit im Gewitter der guten Ratschläge“ wird dann von außen lobend hervorgehoben.

Die allgemeine Wohlfühlstimmung ist so wichtig, dass sie zur Not auch mal vehement eingefordert wird: „Ich glaube es hackt! Mein Gott ist das verspannt hier. Könnt ihr euch mal locker machen?“ kommentiert ein Vater des Blogs „Ich bin dein Vater“ meine inhaltliche Kritik an einem Artikel. Da drängt sich in diesem Fall doch die Frage auf, worin die bemängelte Verspannung nun eher zum Ausdruck kommt: In meiner inhaltliche Kritik (die sich in der Facebook-Kommentarspalte des von mir kritisierten Artikels hier nachlesen lässt und die sich auf ein ähnliches Thema bezieht) oder vielleicht doch vielmehr in der reichlich verspannten Aufforderung sich locker zu machen und im dahinterstehenden Zwang zur Entspanntheit?

Vielleicht geht der Trend zum coolen Vater auch schon bald wieder an uns vorbei und es „wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben und alle Mütter müssen wieder zuhause bleiben“ (Youtube-Link zum Zitat), was zwar sowieso trotz der ganzen lässigen Väter nie anders war, was aber scheinbar aufgrund der langsam lauter werdenden Väterblogs manchmal vergessen wird. Bis dahin wird es sicherlich noch ganz viele entspannte Texte von ganz vielen coolen Daddies geben, die zumindest manchmal auch Zeit zuhause mit den Kindern verbringen.

 

Ergänzung/Nachtrag: Nicht auf alle zitierten und verlinkten Blogs passt meine Analyse der demonstrativen Coolness gleichermaßen. Auf papaganda finden sich wesentlich vielfältigere Geschichten und Beiträge, als ich bisher wahrgenommen habe. Danke für den Hinweis!

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