„Das 50/50-Prinzip“

Ich habe nun auch endlich das Buch „Papa kann auch stillen. Wie Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen“ von Stefanie Lohaus und Tobias Scholz gelesen, das bereits in so vielen Blogs, die ich regelmäßig verfolge, besprochen wurde. Es lag einige Zeit bei mir rum und ich muss zugeben, dass ich erst einen gewissen Widerwillen überwinden musste, bevor ich es Anfang der Woche in die Hand nahm. Unter anderem als Reaktion auf die Kolumne von Stefanie Lohaus habe ich vor etwa zwei Jahren schon darüber geschrieben, dass ich das 50/50-Prinzip nicht automatisch für gelebte Gleichberechtigung halte.

Im Buch werden viele spannende Aspekte angesprochen. In der Rezension bei den fuckermothers wird beispielsweise zu Recht lobend hervorgehoben, dass sich die beiden viele Gedanken über die Verteilung des Gelds gemacht haben. Die beiden beschreiben auch an einigen Stellen sehr schön die Differenzen zwischen gesellschaftlichen Rollenerwartungen und der Gestaltung der eigenen Familie nach den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen: „Erst wenn man abweicht, stellt man fest, wie starr die Normen in den meisten Fällen noch sind“ (S. 103), ist ein Satz, der auch zu meinem persönlichen Erleben oft genug passt.

Die Begriffe „gerecht“ und „gleichberechtigt“ fallen sehr oft im Buch. Erklärtes Ziel von Stefanie und Tobias ist es, Kinderbetreuung, Haushalt und Erwerbsarbeit „alles komplett gerecht aufzuteilen“. Gleichzeitig wird an vielen Stellen deutlich, dass es mit dieser Gerechtigkeit nicht so weit ist – ohne dass das den beiden wirklich aufzufallen scheint. Während sich Tobias aufgrund seines familiären Engagements als „Super-Papa“ (S. 173) bezeichnet, muss sich Stefanie seitenlang erklären, dass auch sie als Mutter die Möglichkeit hat, ein verlängertes Wochenende ohne Kind wegzufahren – dass Tobias auch mit seinen Freunden und ohne Kind für ein Wochenende klettern geht, steht eher in einem Nebensatz. Es ist scheinbar völlig selbstverständlich. Dass Stefanie deshalb eine „Super-Mama“ ist, wird nicht erwähnt.

Schwierig fand ich auch einige von Tobias´ Passagen. An manchen Stellen gelingt es ihm, die eigene männliche Sozialisation treffend zu reflektieren und die Männerbünde in seinem Umfeld zu kritisieren. Gleichzeitig schreibt er – wie so viele andere auch – darüber, dass die Väter, die er in Elterncafés trifft, viel lässiger seien als die Mütter. In Abgrenzung zu den „taktlosen“, „übergriffigen“, um nicht zu sagen hysterischen Müttern, lobt er den „sachlichen“, „authentischen“ und „respektvollen“ Umgang unter Vätern. Kein Wort darüber, woran das liegen könnte. Nicht ganz verstanden habe ich vielleicht den Satz, in dem er die Ambivalenz formuliert, dass es ihm und anderen Männern manchmal schwer falle „die Gleichberechtigung der Partnerin nicht nur zu ertragen, sondern wirklich zu bejahen.“ (S. 84/85) WTF?!

Ich verstehe völlig, dass mit den Einkommen als freie Journalistin und Herausgeberin des Missy Magazines und als promovierter Wissenschaftler an der Uni nicht gerade der große Reichtum ausbricht. Ich finde es auch in Ordnung das zu problematisieren. Irritiert war ich dennoch von der Analyse der beiden, ihre 35 Stunden Jobs mit einjährigem Kind seien eine „Absage an die gesellschaftliche Vorstellung von beruflicher Karriere“ (S. 194). Wer schon relativ weit oben auf der Karriereleiter angekommen ist, kann leicht sagen, ein „höher hinaus“ sei nicht so interessant und würde hinter der Familienzeit zurückstehen. Die Einordnung des geschilderten Lebensstandards ist aber letztendlich sehr subjektiv, abhängig von der eigenen (in diesem Fall meiner eigenen) finanziellen Lage.

Drei Absätze Kritik in dieser Rezension?! Hm, eigentlich fand ich das Buch gar nicht so schlecht. Vielleicht bin ich auch nur etwas enttäuscht und persönlich beleidigt, dass meine Anmerkungen von vor zwei Jahren nicht aufgegriffen wurden. Zur Auseinandersetzung darüber, wie heterosexuelle „Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen“ können, kann das Buch durchaus hilfreich sein.

Lohaus, Stefanie und Scholz, Tobias: Papa kann auch stillen. Wie Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen. München, 2015

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