Das versteckte Kind

In den letzten Wochen haben Fritzi und ich häufig „Das versteckte Kind“ von Loïc Dauvillier, Marc Lizano und Greg Salsedo gelesen. Ich habe bereits von Fritzis Interesse an einer Auseinandersetzung mit den Themen Nationalsozialismus und Shoah berichtet. Die Graphic Novel erzählt davon aus der Perspektive eines jüdischen Mädchens aus Paris. Dounia erlebt die Ausgrenzung innerhalb ihrer Schulklasse, ihre Eltern werden verhaftet, sie taucht bei ihren Nachbarn unter und überlebt Nationalsozialismus, Shoah und Krieg schließlich unter falschem Namen auf einem kleinen Hof auf dem Land. Die Rahmenhandlung bildet eine zweite Zeitebene, in der Dounia, mittlerweile Großmutter, ihrer Enkeltochter Elsa diese Geschichte anvertraut.

Der Verlag schreibt, dass die Graphic Novel geeignet ist, das Thema unter Mitwirkung von Eltern und Lehrer_innen bereits Kindern ab der 3. Klasse nahezubringen. Historische Hintergründe und Zusammenhänge bleiben völlig außen vor. Begriffe wie „Lager“ oder „Widerstandskämpfer“ werden zwar erwähnt, jedoch nicht genauer erklärt.

Es geht konsequent um das persönliche Erleben von Dounia. Dadurch bleibt die Geschichte auch schon für Fritzi in jedem Moment nachvollziehbar. Fritzi geht mit, sie ist mit voller Aufmerksamkeit dabei und gleichzeitig entstehen viele Fragen und wir blättern oft vor und zurück, um die einzelnen handelnden Personen besser begreifen zu können. Ich lese an manchen Abenden nur wenige Seiten, weil wir uns zwischendurch lange über einzelne Begriffe oder Aspekte unterhalten und ich versuche, Fritzis Fragen zu beantworten. Zwischendurch beantwortet sie mir manchmal auch meine Fragen, wenn ich beispielsweise mit den Zeitebenen durcheinanderkomme.

In einer Rezension im Tagesspiegel kritisiert Ralph Trommer einige kleinere historische Ungenauigkeiten. Sicherlich berechtigte Kritik. Die kleineren Ungenauigkeiten interessieren uns momentan jedoch eher nicht so sehr, wir hängen oft noch bei den größeren historischen Ungenauigkeiten im Verständnis, unabhängig von der konkreten Handlung der Graphic Novel. Zudem kritisiert Trommer die kindliche Darstellung aller Personen – auch der deutschen Soldaten. Für Fritzi reichen Gestik und vorgelesener Text jedoch völlig, um diese nicht als niedliche Figuren wahrzunehmen.

Besonders interessant werden unsere Gespräche, wenn Gut und Böse nicht so eindeutig zu definieren sind: Was ist mit den Kindern, die plötzlich nicht mehr mit Dounia spielen wollen? Und was ist mit der eben noch hilfsbereiten Nachbarin, die die Polizei ruft, sobald sie von der versteckten Dounia erfährt? Für uns bietet die Graphic Novel viele spannende Anregungen und knüpft passend an unsere bisherigen Gespräche über Nationalsozialismus und Shoah an.

Dauvillier, Loïc; Lizano, Marc und Salsedo, Greg: Das versteckte Kind. Panini Comics, Stuttgart 2014

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