Überforderung – Auszug aus „Fritzi und ich“

Das Foto ist mehr als 6 Jahre alt. Im Vergleich zu neueren Bildern lässt es erahnen, dass die Zeit seitdem auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen ist. Fritzi ist gewachsen, meine Familie ist gewachsen. Vieles hat sich seitdem verändert. Bevor im nächsten Monat mein neues Buch erscheint und weil ich gerade sonst nicht so dazu komme, mein Blog zu füllen, nun nochmal ein Blick zurück. Hier, leicht gekürzt, eines meiner Lieblingskapitel aus meinem 2013 im Herder-Verlag erschienenen Buch „Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein

Die neuen Erzieherinnen in der Kita schwärmen von Fritzi. Sie sei so interessiert. So fröhlich. Immer. Ich freue mich. Ich freue mich für Fritzi. Zu Hause ist sie nicht immer so fröhlich. Fritzis Mutter ist krank, sie kommt deshalb für zwei Wochen seltener bei uns vorbei. Fritzi ist nach der Eingewöhnung und durch den kalten Winter gesundheitlich immer noch etwas angeschlagen und soll von ihrer fiebernden Mutter nicht die nächste Krankheit abbekommen. Ich bin daher noch mehr mit Fritzi alleine zu Hause. Damit sich Fritzi richtig erholt, bringe ich sie für ein paar Tage auch nicht in den Kindergarten. Es ist Winter. Es ist kalt. Es schneit. Ich versuche trotzdem, mit Fritzi spazieren zu gehen. Ich gehe mit Fritzi in alle Eltern-Kind-Cafés unseres Kiezes. Ich besuche mit Fritzi ein paar Freunde. Und ich bin mit Fritzi viel in unserer Wohnung. Sie ist mittlerweile kein kleines Baby mehr, das nur auf seiner Decke liegt und auf die nächste Milchflasche wartet. Sie ist mobil. Sie krabbelt durch die Wohnung. Sie zieht sich an den Möbeln hoch und läuft am Sofa und am Regal entlang und um alle Stühle herum. Sie trinkt nicht mehr, wenn ich möchte, dass sie trinkt. Sie trinkt, wenn sie möchte. Sie isst, was sie essen möchte. Manches möchte sie einfach nicht essen. Durch ihre Erkältung schläft sie nachts nicht gut. Ich bin seit einer Woche jede Nacht mit ihr alleine und nach so vielen unruhigen Nächten ziemlich erschöpft.

Nach unserem Vormittagsspaziergang versuche ich, Fritzi etwas zu trinken zu geben. Sie möchte nicht und fängt stattdessen an zu schreien. Sie schreit und hört nicht mehr auf. Sie schreit, wenn ich versuche, ihr etwas zu essen zu geben. Sie schreit, wenn ich versuche, sie zum Mittagsschlaf hinzulegen. Sie ist zwar kein kleines Baby mehr, sie kann aber auch noch nicht sprechen und deutlich sagen, was sie möchte. Oft verstehe ich trotzdem, was sie gerade möchte. Heute nicht. Sie schreit. Ich bin überfordert. Ich weiß nicht mehr, was ich noch mit ihr machen soll. Auch ich fange an zu weinen. Nicht ganz so laut wie Fritzi. Wir sitzen nebeneinander auf dem Fußboden und uns laufen die Tränen über unsere Wangen.

Ich rufe Fritzis Mutter an. Ihr geht es gerade erst wieder besser und eigentlich ist heute ihr erster Arbeitstag nach ihrer Krankheit. Wir verstehen uns am Telefon kaum, weil Fritzi so laut schreit. Ich weine am Telefon und sage ihr, dass sie vorbeikommen muss. Ich kann nicht mehr. Sie sagt ihren Arbeitstermin ab und kommt vorbei. Kurz bevor sie bei uns ist, schaffe ich es endlich, Fritzi zum Schlafen zu bringen. Als Fritzis Mutter zur Tür hereinkommt, liegt Fritzi ruhig in ihrem Bett. Ich sitze weinend auf dem Küchenfußboden. Möglichst weit weg von Fritzi. Am anderen Ende der Wohnung. Für andere Situationen gibt es perfekte Songs. Oft genug saß ich in meinem Leben traurig mit Liebeskummer auf meinem Bett. Mit lauter Musik. Es gibt einen wunderbaren Song von Bright Eyes, den ich schon tausendfach in solchen Momenten gehört habe. Warum gibt es so viele Songs über unerwiderte Liebe, aber keine Songs für überforderte Eltern? Ich sitze noch eine Weile auf dem Küchenfußboden und starre ins Leere. Ich weine noch eine halbe Stunde. Nennt man so etwas einen Nervenzusammenbruch? Ich zweifle an meinen Fähigkeiten, eine gute Mutter zu sein. Ich zweifle daran, mit Fritzi in unseren für die nächste Woche geplanten Urlaub fahren zu können. Ich zweifle viel und beruhige mich nur langsam.

Ich habe großen Respekt vor allen Müttern, die ihr Kind völlig oder größtenteils alleine großziehen. Christophers Mutter, die ich häufiger in einem Eltern- Kind-Café treffe, fragt mich eines Tages, ob ich dieses Gefühl der Überforderung mit dem Baby alleine zu Hause kenne. Ich kann sie beruhigen. Ja, sie ist nicht die einzige, die manchmal überfordert ist und dabei gleichzeitig von einem großen schlechten Gewissen geplagt wird, nicht gut genug für das eigene Kind sorgen zu können. Das Baby manchmal nicht beruhigen zu können. Das Baby manchmal schreien lassen zu müssen. Sie lebt mit ihrem Mann zusammen. Der geht arbeiten und sagt, er könne das gemeinsame Baby nicht beruhigen. Das schaffe nur die Mutter.

Katharinas Vater hat seine Tochter noch nie gewickelt, wenn mehr in der Windel ist als nur ein wenig Babypisse. Er finde den Geruch der Babykacke so eklig. Ich kann auch nicht behaupten, dass Windeln wechseln zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Vor allem dann nicht, wenn nicht nur die Windel betroffen ist, sondern der braune Brei schon auf allen Seiten herausläuft und Fritzi nicht einfach nur ruhig daliegt, sondern mit jeder Bewegung mehr von dem Zeug auf ihrem Körper, ihrem Body, der Wickelunterlage und meinen Fingern verteilt. Mir macht das nichts aus, sagt Katharinas Mutter. Welche andere Wahl hat sie auch?

Dass Väter mit ihren Kindern in manchen Situationen etwas unbeholfen agieren, wird gerne verziehen, solange sie zumindest ein wenig engagiert sind. Eine Mutter, die ihr Kind nicht beruhigen kann oder keine Lust hat, ihr Kind zu wickeln, weil sie die Babykacke so eklig findet, ist dagegen in unserer Gesellschaft unvorstellbar.

Ich treffe immer wieder solche (zumindest teilweise) alleinerziehende Mütter, die in keiner Statistik für Alleinerziehende auftauchen, die aber von den Vätern ihrer Kinder mit vielem einfach alleine gelassen werden und die dann manchmal überfordert sind, dem Anspruch an die eigene Mutterrolle gerecht zu werden. Ich habe diese Mutterrolle selbst gewählt. Ich möchte Fritzis Mutter nicht in ihrer Mutterrolle alleine lassen. Bei uns soll das alles anders laufen. Ich möchte es schaffen, für Fritzi da zu sein. Ich möchte nicht nur die schönen Momente mit Fritzi genießen und sobald es schwierig wird Fritzis Mutter anrufen, weil ich nicht mehr weiter weiß. Und ja, manchmal bin ich damit überfordert, diesem Anspruch an meine Mutterrolle gerecht zu werden.

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