Warum das Vatersein vor mir beschützt werden muss

Vater sein, darf nur, wer sich an bestimmte Regeln hält. Vor ein paar Tagen wollte mich ein Maskulinist auf Facebook in einer Diskussion um das Thema meines letzten Texts mit dem Satz beleidigen: „Er ist kein >neuer Vater<, sondern eine alte Mutter mit Penis“ Mich beleidigt das nicht wirklich. Ich definiere mich nicht als „neuer Vater“ und ich habe kein Problem damit, eine Mutter zu sein. Ich habe keine Angst, dass mir irgendwo auf dem Weg zwischen Kinderzimmer und Kindergarten meine Männlichkeit verloren geht; was auch immer darunter zu verstehen ist.

Der Satz ging noch etwas weiter: „Er ist kein >neuer Vater<, sondern eine alte Mutter mit Penis, denn er hat genau das gemacht, was sonst die Mütter tun.“ Wer das tut, was sonst die Mütter tun, muss eine Mutter sein. Und gleichzeitig Mutter und Vater sein, geht scheinbar nicht. Dass Männer/Väter anders sind als Frauen/Mütter, wird per Definition vorausgesetzt. Wer sich also so verhält wie ich, kann kein Vater sein. Das Vatersein muss quasi vor Menschen wie mir beschützt werden, denn: Was nicht männlich/väterlich sein darf, kann auch nicht männlich/väterlich sein.

Das ist nicht der einzige Kommentar, in dem mir mein Vatersein bzw. meine Männlichkeit abgesprochen wird. Es wird nicht selten darüber diskutiert und hin und wieder auch bedauert, dass ich leider kein Vorbild und keine Identifikationsfigur für andere Männer/Väter sein könne, da ich in meiner Rolle zu weiblich sei und mich von meiner Tochter auch noch „Mama“ nennen lasse. Es wird ja wohl von keinem Vater zu erwarten sein, seine Männlichkeit aufs Spiel zu setzen, nur um etwas mehr für die eigenen Kinder da sein zu können…

Geschlechterrollen (in diesem Fall in den Ausprägungen Mutter/Vater) sind das Resultat eines komplexen gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Und weil das manchmal alles nicht so eindeutig ist, müssen die Grenzen immer wieder ausgesprochen und erneuert werden, um aktuelle Vorstellungen davon, wie eine Mutter bzw. ein Vater zu sein hat, aufrechtzuerhalten. Sonst kommen wir mit diesen Geschlechtern irgendwie durcheinander. Und das wäre ja schließlich das allerschlimmste, was auf dieser Welt passieren kann: Wenn nämlich das, was ich tue, ganz selbstverständlich zum Elternsein völlig unabhängig vom Geschlecht dazugehören würde, dann müsste sich jeder andere Vater auch daran messen lassen und könnte sich nicht mehr mit Blick auf das eigene Geschlecht herausreden, wenn er sich weniger um die eigenen Kinder kümmert als ich.

15 Antworten

  1. Afra sagt:

    Nein furchtbar! Also Geschlechter müssen schon strikt getrennt werden, sonst weiß doch keiner mehr wie er oder sie sich verhalten soll! Und womöglich kaufe ich dann noch ausversehen ein Männermusli mit herben Schokostückchen anstatt süßen Früchten!
    Nein dann laufen die Kinder völlig Ziel und Orientierungslos durch das Leben, müssen selbstständig denken, Stereotype ablegen und sich (oh Gott) eine eigene Identität zulegen…

    Also hör Bitte auf hier als bärtige Mama rum zu laufen. Das bringt alles durcheinander!

    • Janne sagt:

      Ha, danke für diesen erfrischenden Kommentar, über den ich sehr schmunzeln musste. Und Jochen – danke, dass Du den „Kampf“ aufgenommen hast und Dich nicht kleinkriegen lässt. Ich glaube, dass Deine Kids irgendwann sehr, sehr stolz auf dich sein werden – das würde ich Dir von Herzen wünschen. Von Dir können sich viele Menschen eine Scheibe abschneiden – in unserer angeblich so fortschrittlichen, aber oft doch sehr denkfaulen und änglichsten Gesellschaft schwimmen viele Menschen immer noch mit dem Strom, weil es eben am einfachsten ist, sich in der Komfortzone zu suhlen. Und Leute wie du, die zwar tolerant jede Meinung gelten lassen, trotzdem bewusst einen anderen Weg wählen, kriegen da wohl immer mal wieder starken Gegenwind zu spüren. Nimm’s als Kompliment – auch wenn das sicher nicht immer leicht ist, denke ich mir. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen wie Du kleine, aber bedeutsame Puzzlesteine für wirkliche gesellschaftliche Veränderung sind. Ich bewundere Dich jedenfalls sehr und folge deinen Beiträgen immer höchst interessiert, auch wenn ich selbst (noch) keine Kinder habe, aber viele Fragen, die Du Dir stellst oder gestellt hast, stellen sich mir – und vielen anderen – ganz akut auch. Danke, dass Du uns an Deinem Prozess teilhaben lässt! Liebste Grüße von Janne

  2. Was eine traurige, einengende Sicht aufs eigene Leben, in dem Mann sich tatsächlich nicht um (seine) Kinder kümmern darf, weil er sonst „falsch“, kein Mann, nicht normal ist. Und wenn sich einer mit solch einer verqueren Denke schon derart begrenzt, dann müssen die anderen sich gefälligst auch an diese, seine Definition halten. Wow.
    sprachlos.

  3. a.larm sagt:

    Ich finde dieses Festhalten an rigiden Geschlechternormen brutal und dämlich und rege mich regelmäßig darüber auf.
    Wenn ich mich zu sehr aufrege, denke ich an meine Oma (Jahrgang 23), an meine Mutter (Jahrgang 52) und dann mich (Jahrgang 83) und freue mich. Denn auch wenn es immer noch einen Haufen bekloppter Erwartungen an mich gibt, kann ich im Großen und Ganzen machen, was ich will. Und das liegt auch daran, dass es Leute gibt, die immer wieder an Geschlechternormen rütteln – so wie Du, Jochen 🙂
    Mein Vater war der Prototyp des abwesenden, hart arbeitenden Ernährers und ich habe bis heute kein Verhältnis zu ihm, das der Rede wert wäre. Obwohl er nach außen hin alles richtig gemacht hat, finde ich nicht, dass er ein guter Vater war. Es gibt keinen Grund, dieses Modell zu wiederholen.

  4. Groovner sagt:

    Wenn der Satz „er ist kein neuer Vater sondern eine alte Mutter mit Penis“ beleidigen sollte, dann zielt diese Beleidigung auf zwei Dinge: Überschreitungen von Geschlechtergrenzen werden als unstatthaft, lächerlich, unangenehm ausgewiesen (Mütter mit Penis!) und was Mütter „immer schon“ tun wird als defizitär, als nicht nachahmenswert dargestellt, ihre Arbeit entwertet. Diese Verächtlichmachungen sind für jene immens wichtig (und werden mit einer Mischung aus Bosheit und Ohnmacht vorgetragen), die sich nach einer alten, übersichtlichen Ordnung sehnen und mit einem egalitären familiären Machtgemenge nichts anfangen können. Toll und vor allem wichtig, sich davon nicht einschüchtern zu lassen!

  5. Jodud sagt:

    Ich kenne natürlich nicht die Hintergründe (Alter, Situation etc.). (Also ob die Kinder einfach in diesem Alter noch nicht unterscheiden können etc.).

    Aber man sollte auch überlegen, ob das Zulassen des „Mama“ Rufs nur zugelassen wird um die eigene Männlichkeit zu unterstreichen (nach dem Motto „Ich bin so männlich, dass ich mich auch Mama rufen lassen kann“ ) und man damit weniger zum Vorbild wird, weil mit dieser Zulassung die Verknüpfung von „Papa = fürsorglich“ nicht zugelassen wird.

  6. Gerd Duerner sagt:

    Erstmal Glückwunsch zum Kompliment, wenn’s wohl auch nicht als solches gedacht war. Da die Mutter-Kindbindung in der Gesellschaft als wichtiger/enger angesehen ist als die Vater-Kindbeziehung kann es ja eigentlich ersteinmal nur als solches lesen.

    Da jedoch der sogenannte „Penisneid“ entgegen Freuds Theorie gerade unter Männern weit verbreitet ist wurde ich auf Peniskommentare allerdings nicht zuviel geben. 😀

  7. Kai sagt:

    Hallo Jochen!
    Ich bin vor ewigen Zeiten über den Artikel in der WAS über Dich gestolpert. Überrascht hat mich das so ein großes Blatt tatsächlich den Mut findet solch ein Thema aufzugreifen.
    Noch viel mehr überrascht hat mich der Mut mit dem Du Deine Sache öffentlich vertrittst. Danke dafür!
    Dass Du das überhaupt tun musst zeigt allerdings sehr anschaulich wie traurig unflexibel unsere Gesellschaft immer noch ist – und wie schwer soziologische Entwicklungen voran schreiten. Seit Jahren kämpfen Menschen homosexueller Orientierung um ihre gesellschaftliche Anerkennung – doch statt dass dies dazu führt das man unsere gesamte soziale Struktur überdenkt und an die Moderne anpasst, wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen Veränderungen und gibt ihnen, wenn überhaupt, nur Zentimeterweise nach.
    Ich arbeite selbst in einer Position die gemeinhin als „gut bezahlt“ angesehen wird. Doch reicht das Geld inzwischen nicht mehr um, bei bescheidenem Auskommen, meine Frau und unsere zwei kleinen Kinder zu finanzieren. Mein Versuch Elternzeit zu nehmen scheiterte kläglich am Unverständnis des Arbeitgebers. Meine Frau ist gezwungen in Vollzeit mitzuarbeiten um uns über die Runden zu bringen. Dabei geht 3/4 ihres Gehaltes dafür drauf die Kinderbetreuung während ihrer Arbeitszeit zu gewährleisten.
    Vor einigen Jahren habe ich eine andere Frau kennen gelernt und mich ebenfalls in diese verliebt. Unabhängig was man in meinem persönlichen Fall jetzt denken mag, brachte mich dies auf ganz andere Ideen – ähnlich Dir folgend. Ich habe mich gefragt warum unser Staat nicht endlich mit überalterten Rollen- und Familienmodellen aufräumt und diese Dinge liberalisiert. Wenn ein Mann sich für mehrere Partnerinnen in der Pflicht sieht – warum darf er dies nicht? Und umgekehrt selbstverständlich! In einer Zeit in der die wirtschaftliche Situation vieler Familien so schlecht geworden ist das es zwei Vollzeit-Gehälter erfordert eine Familie zu versorgen: warum gestattet man dann nicht das so eine Partnerschaft aus drei oder mehr Partnern besteht? Sodass einer wenigstens Zuhause bleiben könnte und für eine adäquate moralische Erziehung der Kinder sorgen kann.
    Die Politik hat in den letzten Jahren leider wenig sinnvolles zum Thema Gleichberechtigung und Familienpolitik zustande gebracht. Bei allen Frauenquoten, die wohl eher halbherzig umgesetzt werden, wo bleibt die im gleichen Atemzug zu etablierende Männerquote? Es geht hier nicht darum ob man die braucht, sondern lediglich um den sinnvollen Umgang mit Gleichberechtigung. Ansonsten schafft man ein Protektorat für alles was weiblich ist. Und das ist ebensowenig wünschenswert, wie es beleidigend ist; für Männer, für Frauen, für unsere moderne Gesellschaft.
    Auch so verkrustete Institutionen wie getrennte Toiletten gehören endlich abgeschafft in Zeiten in denen immer mehr Menschen sich als „Geschlechtsflexibel“ betrachten.

    In diesem Sinne, Jochen….noch einmal vielen Dank für Deinen Einsatz. Gib bitte nicht auf. Vielleicht bewegst Du ja was. Ich habe es leider aufgegeben. Der Beton in den Köpfen vieler Menschen ist mir zu hart…

  8. Theresa sagt:

    Schön, dass es immer wieder so jemanden wie dich gibt, der sich einfach nicht von den lächerlichen gesellschaftlichen Konventionen beeinflussen lässt. Viel mehr Menschen sollten heutzutage so denken!

  9. Tom Todd sagt:

    Mich würde mal interessieren, warum ein Vater sich „Mama“ nennen lässt. Ist das einzig eine Symbolik ,mit der manfrau (welches denn bloß?) seinen Kindern demonstrativ suggerieren will, ich ( Vater) bin weder Mann noch Frau in meinem sozialen Dasein? Eine Antwort auf diese Frage kann sich kaum erschöpfen in der leicht sarkastischen Häme dieses Artikels, die offenbar als Argument fungiert anstelle sachlch fundierter Widerrede. Z. B. wäre zu beantworten, warum dieser Vatermama alle wissenschaftliche Erkenntnisse über die entscheidend wichtige Rolle von Vätern in der Aufzucht der Kinder (und zwar als biologischer Mann) auf einmal hinfällig sind?

    • Jochen sagt:

      Sie können gerne meine Texte und/oder Bücher dazu lesen. Ich habe keine Lust hier eine 1-zu-1-Fortbildung zu meinen Thesen zu geben.
      Über eine „entscheidend wichtige Rolle“ von Vätern als biologische Männer bei der „Aufzucht der Kinder“ sind mir keine wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt.

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