„Ich hätte zehn Jahre lang eine schlecht gelaunte Mutter sein können und es hätte niemanden gestört“

In „Mama, Papa, Kind?“ stelle ich eine Reihe unterschiedlicher Familien vor. Im Buch fällt häufiger der Satz: „Wir sitzen am Rand des Spielplatzes und unterhalten uns über unsere Familien“. Vieles, was ich über die Familien um mich herum weiß, weiß ich aus Spielplatzgesprächen. Jede Familie ist anders. Und deshalb fehlen in meinem Buch noch ganz viele Geschichten ganz vieler Familien. An dieser Stelle möchte ich unregelmäßig weitere Spielplatzbegegnungen vorstellen. Wer möchte, kann den folgenden Text ausdrucken und ins Buch einkleben.

Ich treffe mich mit Anne an einem Morgen unter der Woche auf dem Spielplatz. Fritzi ist in der Schule, Lynn liegt im Kinderwagen. Anne hält ihren Sohn auf dem Arm. Wir erkennen uns und beschließen den Spielplatz sofort wieder zu verlassen. Es ist kalt und unsere Kinder sind noch zu klein, um mit Spielplätzen etwas mehr anfangen zu können.

Wir setzen uns in ein Café und unterhalten uns über unsere Familien. Wir sind schnell beim Thema. Uns beiden ist anzumerken, wie wichtig wir es finden, über unsere Familien zu sprechen, weil unsere Familienkonstellationen in öffentlichen Erzählungen zum Thema Familie ansonsten zu kurz kommen.

Anne erzählt mir von ihrer Kindheit und Jugend irgendwo in Süddeutschland. Sie erzählt mir von ihrer ersten großen Liebe, von ihrer frühen Hochzeit, von ihrer Teenagerschwangerschaft und von der Zeit mit dem ersten Kind. Sie erzählt mir von ihrem zweiten Kind, das drei Jahre später geboren wurde. Vielleicht nicht die typische Prenzlauer Berg/Friedrichshain-Familiengeschichte, aber soweit wenig ungewöhnlich. Sie erzählt mir davon, wie sie allein aus finanzieller Notwendigkeit relativ schnell wieder arbeiten ging. Ihr Mann war zwischenzeitlich wieder Schüler.

Anne ist etwa so alt wie ich. Ihre Kinder sind inzwischen 17 und 13 Jahre und das dritte nun ein paar Monate alt. Wir trinken irgendwelche Kaffeegetränke, die Mütter wie wir in den hippen Berliner Innenstadtbezirken an kalten Herbstvormittagen so trinken, während die Babys Spielzeug oder Schnuller auf den Boden werfen. Ich rühre für Lynn zwischendurch eine Milch an. Nachdem sie die Milch ausgetrunken hat, widmet sie sich meinem Kaffeelöffel.

Anne führte eine routinierte und irgendwann unglückliche Beziehung. Sie hatte bis dahin lediglich einen Hauptschulabschluss. Dann ergab sich die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. In Berlin. Das war vor 11 Jahren. Ihre beiden Kinder blieben beim Vater. „Ich hätte zehn Jahre lang eine schlecht gelaunte Mutter sein können und es hätte niemanden gestört“, berichtet Anne. Aber sich dafür zu entscheiden, die Kinder beim Vater zu lassen, und alleine nach Berlin zu ziehen, passt nicht ins gesellschaftliche Bild, wie eine Mutter zu sein hat.

Wir erzählen uns von den Orten im Südwesten Deutschlands, in denen wir aufgewachsen sind. Von dem Umfeld dort, das wir beide vor allem als einschränkend und vorbestimmt wahrgenommen haben und das so wenig zu dem passt, wie wir uns unser Leben vorstellen. „In Berlin konnte ich ich sein“, sagt Anne. Und der Satz könnte so oder so ähnlich auch von mir kommen.

Immer wieder wird Anne mit dem Vorwurf konfrontiert, sie habe ihre Kinder alleine gelassen. „Ja, alleine beim Vater, bei den Großeltern und einer großen Familie, deren Mitglieder alle nicht weit voneinander entfernt wohnen und sich gegenseitig unterstützen“, entgegnet sie.

Annes Entscheidung war keine Entscheidung gegen die Kinder. Im Idealfall steht vor einer solchen Entscheidung ein Abwägungsprozess, im Rahmen dessen die Bedürfnisse aller (auch der Kinder) einbezogen und berücksichtigt werden. Und warum sollte es nicht Situationen und Familien geben, in denen das Ergebnis eines solchen Abwägungsprozesses so aussieht, dass die Kinder beim Vater oder einer anderen Person leben, aber eben nicht überwiegend bei der Mutter.

Ich halte nicht so viel vom maternal gatekeeping Argument, also von der Behauptung, es scheitere vor allem an den Müttern, dass sich Väter mehr um ihre Kinder kümmern. Dennoch ist es nicht zu leugnen: Der gesellschaftliche Druck auf Mütter ist enorm. Eine Mutter hat ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, sich selbstlos in den Dienst des Kindes zu stellen, in dieser Rolle glücklich zu sein und darin die Erfüllung ihrer weiblichen Identität zu finden. Deutlich wird die Aktualität dieser Vorstellung vor allem an denjenigen, die diesem Bild nicht entsprechen (können oder wollen), wie vor einigen Monaten die Debatte um die Studie regretting motherhood gezeigt hat – oder eben auch die Reaktionen auf Annes und meine Familie.

Damit ein familiärer Aushandlungsprozesses darin mündet, dass die Kinder nicht überwiegend bei der Mutter leben, muss nicht nur sie eine Entscheidung entgegen der gesellschaftlichen Erwartung treffen. Die Alternative muss überhaupt erst einmal denkbar sein. Und dazu muss es einen Vater oder andere Personen geben, die grundsätzlich bereit und in der Lage sind, sich um die Kinder zu kümmern.

Ich werde für mein familiäres Engagement gefeiert. Bei Müttern wird dasselbe Engagement als Selbstverständlichkeit angesehen. Tausendfach verlassen Väter ihre Familien, entziehen sich der Verantwortung für ihr Kind und stehen für einen gemeinsamen Aushandlungsprozess überhaupt erst gar nicht zur Verfügung. Problematisiert wird das kaum. Die Kinder leben dann wie selbstverständlich bei der Mutter. Wenn ich am Ende des gemeinsamen Aushandlungsprozesses einen großen Teil der Sorgearbeit übernehme, dann werde ich – trotz gemeinsam getroffener Entscheidungen – mit Lob überschüttet, die Mütter meiner Kinder bestenfalls mit Unverständnis.

Das Verhältnis zu ihren beiden großen Kindern ist momentan schwierig, erzählt Anne. Die Distanz ist groß – nicht nur geografisch. Sie hofft, dass sich das auch wieder ändert. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt sie. Trotz Vermissen, Zweifel, Traurigkeit. Trotz aller Ambivalenzen. Es hat einige Zeit gedauert und Kraft gekostet, nicht mehr nur die Mutter zu sein, die ihre Kinder beim Vater gelassen hat. Anne erzählt von ihrer Ausbildung in Berlin. Von Depressionen. Von ihrer Zeit als erfolgreiche Unternehmerin. Von politischem Engagement. Von der Entscheidung für ihr drittes Kind. Und von dem Verein, den sie zusammen mit anderen gründet: Raben-Mütter e.V. (Seite wird gerade überarbeitet – Raben-Mütter bei Facebook)

Es gibt Mütter, die nicht mit ihren Kindern zusammen leben. Und alle haben ihre eigenen Geschichten. Der Verein möchte diese Geschichten hinter dem abwertenden Begriff „Rabenmutter“ sichtbar machen und dabei gesellschaftliche Vorstellungen hinterfragen, die zu dieser Abwertung führen. Einige wenige Aspekte habe ich versucht, in diesem Text hier zumindest kurz wiederzugeben und anzureißen.

Unsere Kaffeegetränke haben wir in der Zwischenzeit ausgetrunken. Wir verlassen das Café und spazieren noch etwas am Wasser entlang. Die beiden Babys liegen in ihren Kinderwägen. Wir hätten Gesprächsthemen für viele weitere Vormittage mit den Kindern. Lynn wird irgendwann unruhig, hat keine Lust einzuschlafen und auch keine Lust mehr im Kinderwagen zu liegen. Ich muss sie auf den Arm nehmen. Wir gehen in Richtung des nächsten S-Bahnhofs und verabschieden uns dort.

(Foto: Raben? Krähen? Keine Ahnung. Mehr Fotos gibt’s hier.)

1 Antwort

  1. 19. Dezember 2015

    […] „Ich hätte zehn Jahre lang eine schlecht gelaunte Mutter sein können und es hätte niemanden ges… – Jochen König über die unterschiedlichen Erwartungen, die Müttern und Vätern oft das Leben schwer machen. […]

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