Wochenende, Sex und Familie

„König beschreibt mit der Freude eines Kindes an der Entdeckung der Welt, was alles geht“, stand mal über mich im Tagesspiegel. Ich finde Menschen faszinierend. Ich bin begeistert, wie unterschiedlich Menschen sein können. Ich interessiere mich dafür, wie Menschen ihr Leben organisieren. Ich finde es spannend, wie Familien funktionieren.

In meinen Gesprächen mit Familien geht es meistens um die Aufteilung der Sorgearbeiten zwischen den Eltern, um Kinderbetreuung, um die Vereinbarkeit zwischen Familien- und Berufsleben oder um Familienkonstellationen. Doch mich interessiert auch noch ein weiteres Thema: Sex ist für viele Menschen wichtig und als gesellschaftliches Thema allgegenwärtig, wird aber selten wirklich direkt besprochen. Auch Eltern haben Sex. Manche zumindest. Sehr gelungen finde ich die Auseinandersetzung mit Sex, Beziehung, Elternschaft bei Krachbumm – darüber hinaus gibt es nicht viel. Wie organisieren Eltern Sex und Liebesbeziehung? Was passiert mit dem Sexleben, wenn Kinder da sind?

Für meine ganz persönliche Suche und meine eigene Auseinandersetzung mit dem Thema finde ich Geschichten besonders spannend, in denen Abweichungen von einer öffentlich unterstellten Normalität sichtbar werden. Dabei ist es manchmal nicht so einfach, überhaupt eine angemessene Sprache dafür zu finden. In den Eltern-Blogs, die ich so lese, finden sich selten Berichte über die Erlebnisse auf der queeren Sex-Party vom letzten Wochenende.

Meine Geschichte beginnt am Valentinstag. Ich klicke mich bei Facebook/Twitter/Instagram durch die Nachrichten verliebter Paare und Fotos von Blumensträußen und Valentinstagsgeschenken auf den Frühstückstischen diverser Familien, während meine beiden Kinder um mich herum spielen. Berauscht ob der ganzen Liebe formuliere ich der Romantik des Tages angemessen eine WhatsApp-Nachricht an Linda: „gehen wir zusammen hier hin, wenn wir uns bis dahin noch verstehen? würde gerne mit dir auf der party ficken.“ Dazu schicke ich ihr einen Veranstaltungslink. Wir haben uns gerade erst kennen gelernt und erst einmal vorher getroffen. Die Antwort kommt schnell: „yes please“, mit der kleinen Einschränkung: „wenn ich dann nen babysitter hab“

Das Motto der Party lautet „Familie“. Auf der Veranstaltungsseite stehen Sätze wie: „Think about family in terms of emotionality where to contextualize partnering, parenting and friendship.” Es soll darum gehen, Familie abseits von Natur und Heteronormativität als einen queeren Ort zu begreifen, an dem Menschen in Liebe, Partner_innen- und Freund_innenschaft zusammenkommen. Im Kontext Berliner Clubkultur vielleicht etwas dick aufgetragen und pathetisch, aber genau mein Thema. Ich muss da also auf jeden Fall hin.

Die Party ist an meinem kindfreien Wochenende. Linda hat einen Babysitter für ihren kleinen Sohn gefunden. Ich bin voller Vorfreude und in den Tagen vorher erst einmal krank. Ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Erkältet gehe ich Einkaufen und stelle mein Outfit zusammen. Ich schleppe mich durch die Woche und durch die Tage mit den Kindern. Am Freitag geht es mir gerade erst wieder besser.

Linda holt mich am Abend zuhause ab. Wir fahren zu einem Freund. Zu fünft trinken wir dort Sekt und legen ein paar Platten auf. Ich bin aufgeregt. Dann nehmen wir zusammen ein Großraumtaxi. Wir sind früh am Club, um langes Anstehen zu vermeiden. Nach wenigen Minuten sind wir drin.

Die Garderobe ist riesig. Es ist noch recht leer. Mit uns ziehen sich in diesem Moment etwa 30 weitere Menschen um. Raus aus der Straßenkleidung, rein ins Partyoutfit. Am Eingang gibt es einen Infostand zu Drogen und Sexualität. Im dort erhältlichen Party-Pack befinden sich ein Kondom, Gleitgel sowie Utensilien zum sicheren Drogengebrauch. Techno. Wir tanzen.

Der Swimmingpool ist kalt. Die Tanzflächen und Kloschlangen füllen sich langsam. Die Stimmung ist gut. Die Stunden ziehen dahin. An der Bar tippt mir eine Frau auf die Schulter. Sie sagt, sie kenne mich. Sie habe einen Zeitungsartikel über mich gelesen. Ich weiß nicht so richtig, wie ich in dieser Situation darauf reagieren soll. Ich lächle und nicke. Wir stoßen kurz an, dann verabschiede ich mich wieder von ihr.

Ich kann das nicht so gut schätzen, aber es könnte sein, dass mit uns an diesem Abend etwa 1.000 andere Menschen hier sind. Auch subkulturelle Nischen können manchmal ziemlich groß sein. Ein oberflächlich-offen-queerer Umgang mit Körpern, Sex und Beziehung gehört zum Berliner Lifestyle. Nicht immer steckt viel Auseinandersetzung dahinter. Ich bezweifle, dass sich eine Mehrheit der Partygäste genauer mit dem Partymotto beschäftigt hat. Nicht alle sind hier, um Sex zu haben. Zumindest solange wir da sind, ist die Stimmung sehr nett und rücksichtsvoll.

Irgendwann zu späterer Stunde liege ich mit Linda kuschelnd in einer Ecke. Liebe. Sex. Ein Gefühl von Familie. Wir betrachten die anderen Menschen, die nackte Haut, die tanzenden Körper. Wenige Zentimeter neben uns haben zwei hübsche Menschen mit langen Bärten Sex. Es sieht sehr harmonisch, liebevoll und wunderschön aus. Die Realität außerhalb erscheint weit weg. Und wahrscheinlich erscheint die Realität innerhalb des Clubs für viele Menschen draußen mindestens ebenso weit weg und kaum vorstellbar.

Teile unserer Gruppe werden später noch zur Afterhour zu einer anderen Sex-Party in einen anderen Club weiter ziehen. Linda und ich entscheiden uns, nach Hause zu gehen. Als wir wieder umgezogen auf die Straße treten, ist es schon lange hell. An einem Samstagvormittag spazieren wir zu mir nach Hause. Wir legen uns ins Bett. Liebe. Sex. Schlafen. Familie, für insgesamt 24 Stunden.

Am Abend muss Linda nach Hause. Sie übernimmt ihren Sohn. Ich kann noch eine Nacht alleine ausschlafen. Mir bleiben ein paar weitere Stunden, um mich von den ganzen Eindrücken zu erholen. Am Sonntagvormittag übernehme ich Lynn und schiebe sie im Kinderwagen auf der Demo zum Frauenkampftag im Regen durch die Straßen Berlins.

3 Antworten

  1. So, erstmal danke fürs Verlinken und dann: Woah! Da bin ich erst mal platt und ein bisschen neidisch auf das Berliner Leben. Hier wo ich wohn gibt es maximal die herkömmlichen Swingerclubs und dann noch sowas, dass sich Liegenschaften nennt – alle nackig, aber nicht unbedingt Sex, is aber möglich. Liegt mir aktuell aus verschiedenen Gründen nicht. Aber so ne große Veranstaltung…ich bin sprachlos und muss an den Film „short bus“ denken und wünsch mir erstmal die Existenz solcher Orte/Veranstaltungen in meine Nähe, damit ich mir dann überlegen kann, ob ich mich darauf einlasse oder nicht 🙂

    Auf alle Fälle Hut ab für deine Ehrlichkeit und quasi den „Beweis“, dass Eltern Sex haben 🙂

  2. Julia sagt:

    Woah! An dieser Stelle möchte ich am liebsten einfach den Kommemtar meiner Vorschreiberin Frau Krachbumm wiederholen. Dass es sowat gibt und so! Nur, dass ich halt in Berlin lebe und von sowas trotzdem keine Ahnung habe und jetzt gerade sowieso keinen Kopf für sowas. Aber toll!

    Ich wünsch dir noch eine erholsame Woche, in der du diese Eindrücke verarbeiten kannst.

    Liebe Grüße,
    Julia

  1. 16. März 2016

    […] Bei Jochen König geht es richtig ab: http://jochenkoenig.net/2016/03/10/wochenende-sex-und-familie/ […]

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