„Bist du auch irgendwann weg?“

Ich bin keineswegs naiv an das Projekt Elternschaft herangegangen. Ich dachte wirklich nicht, dass Kinder einfach so nebenher mitlaufen. Und dennoch hat die Anwesenheit meiner Kinder mein Leben letztlich mehr auf den Kopf gestellt, als ich mir das jemals vorher gedacht hätte. Das Leben mit kleinen Kindern hat wenig mit persönlicher Freiheit und dem Ideal eines selbstbestimmten Lebens zu tun. Die eigenen Bedürfnisse spielen kaum mehr eine Rolle. Stattdessen bestimmt das Baby, wann ich nachts wach bin, ob ich den Vormittag im Wartezimmer der Kinderärztin oder nicht enden wollende Nachmittage auf der Krabbeldecke verbringe. Vorbei sind langes Ausschlafen, Abende mit Freund_innen und unbegleitete Toilettengänge. Mit zunehmendem Alter der Kinder entspannt sich die Situation ein wenig. Das Grundproblem bleibt bestehen.

Auch im Jahr 2016 sind die beschriebenen Einschränkungen der persönlichen Lebensgestaltung unter Eltern sehr streng anhand des Geschlechts aufgeteilt. Am Nachmittag erzähle ich Felix auf dem Spielplatz von meinen Rückenschmerzen. Weil meine beiden Kinder nicht so gut schliefen, habe ich sie irgendwann recht früh in der letzten Nacht in mein Bett geholt. Von der einen Seite Füße in meinem Gesicht. Auf der anderen Seite ein Knie in meinem Rücken. Und ab etwa 5 Uhr habe ich versucht, mich nicht mehr zu bewegen, damit keines der Kinder aufwacht und die Nacht für beendet erklärt. Felix erzählt, er habe auch Rückenschmerzen. Aber nicht, weil er mit den Kindern in einem Bett geschlafen habe, sondern auf dem unbequemen Sofa. Er habe am Morgen häufiger wichtige Termine, deshalb schlafe er neuerdings im Wohnzimmer. Damit habe er nachts seine Ruhe und werde nicht von den Kindern geweckt. Aber das Sofa sei eben etwas unbequem. So hat jeder seine Last zu tragen. Zum Glück komme aber nun gleich seine Frau und löse ihn auf dem Spielplatz ab, damit er zum Sport könne.

71 % der im Rahmen einer jüngst vom WDR in Auftrag gegebenen Studie befragten Väter gaben an, durch die Übernahme der Vaterrolle auf nichts verzichten zu müssen. Sie haben trotz Kind genauso viel Zeit für Freunde, Hobbys, Sport und Engagement im Job wie vorher. Auf der anderen Seite wurde im Rahmen der Diskussion um regretting motherhood deutlich, dass Mütter nicht nur die ganzen Belastungen zu tragen haben. Darüber hinaus wird die Übernahme der gesamten mit dem Kind zusammenhängenden Sorgearbeit so selbstverständlich von Müttern erwartet, dass es für einige noch immer kaum vorstellbar ist, dass es Mütter gibt, die mit der Aufteilung eventuell nicht ganz glücklich sein könnten.

Die Argumente für die ungleiche Aufteilung der Einschränkungen unterscheiden sich in den meisten Familien nicht besonders voneinander. Meist tragen die (werdenden) Väter die immer gleichen Ausreden vor: Ich verdiene nun mal mehr und der Wegfall meines Einkommens wäre die größere Belastung für das Familienkonto. Außerdem bringt es mir berufliche Nachteile, wenn ich mich entscheide, zuhause zu bleiben. Mein Arbeitgeber ist nicht wirklich begeistert von der Idee, länger auf seinen wichtigen Mitarbeiter verzichten zu müssen. Die Arbeitswelt ist eben noch nicht so weit. Und überhaupt, die Mutter lässt mich ja sowieso nicht und beansprucht die Zeit mit dem Kind ganz für sich.

Die zu bewältigenden Aufgaben sind so vielfältig, dass es keiner Mutter gelingen würde, den Vater von allem abzuhalten. Vielmehr zeigt unter anderem die bereits erwähnte Diskussion um regretting motherhood, dass Mütter eben nicht grundsätzlich mit dem ganzen Stress alleine gelassen werden möchten. Es kommt allerdings darauf an, wie sich der Vater anstellt und ob er es schafft, Aufgaben selbstständig zu erledigen ohne jedes Mal aufs Neue eingewiesen werden zu müssen. Nach heutigem Kenntnisstand erscheint es fast absurd, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es Vätern qua Geschlecht nicht grundsätzlich unmöglich ist, sich auch in komplexere Zusammenhänge wie beispielsweise die Struktur der Vorsorgeuntersuchungen bei der Kinderärztin ohne Hilfe der Mutter einzuarbeiten, Termine zu vereinbaren und einzuhalten.

Auch die anderen Argumente halten einer genaueren Prüfung nicht stand. So sind statistisch gesehen die langfristigen finanziellen Einbußen für eine Familie größer, wenn eine Person länger aus dem Berufsleben aussteigt, als wenn beide Elternteile für eine jeweils kürzere Zeit zuhause bleiben. Und das Problem eventuell durch die Elternzeit den Job oder die Aufstiegschancen zu riskieren, betrifft Mütter und Väter gleichermaßen. Wenn der Vater nicht bereit ist, die beruflichen Nachteile in Kauf zu nehmen, verschiebt er lediglich das Risiko zu Lasten der Mutter. Ja, die Arbeitswelt und die gesamte Gesellschaft ist noch nicht so weit, Sorgearbeit angemessen zu vergüten. Das ändert aber nichts daran, dass irgendwer dennoch die Arbeit machen muss.

Die vermeintlichen Rollenzwänge der Väter entpuppen sich eher als faule Ausreden. Es ist mir rätselhaft, wie Väter eine der wichtigsten Lebensentscheidungen anhand solch fadenscheiniger Argumente treffen. Solange sich die meisten Väter weigern, nach der Geburt eines Kindes Einschränkungen der eigenen Freiheit in Kauf zu nehmen, bleibt alles beim Alten: Ein Kind zu bekommen bleibt für Mütter weiterhin eines der größten Armutsrisiken. Und Väter werden am Ende ihres Lebens auch in Zukunft mehrheitlich bereuen, nicht mehr Zeit mit den eigenen kleinen Kindern verbracht zu haben.

Die Entscheidungen der Eltern haben darüber hinaus auch Einfluss auf das Geschlechterbild der zukünftigen Generation. Geschlechterstereotype in der Werbung oder beim Kinderspielzeug lassen sich wunderbar kritisieren, ohne etwas am eigenen Handeln ändern zu müssen. „Bist du auch irgendwann weg?“, fragt mich Fritzi besorgt. Nicht zum ersten Mal hat sie kürzlich gehört, dass der Vater einer Freundin ausgezogen ist oder nie wirklich präsent war. Ich möchte meinen Kindern auch im eigenen familiären Umfeld vorleben, dass nicht ihre Mütter automatisch aufgrund ihres Geschlechts für die Sorgearbeit zuständig sind, sondern dass alles, was im Leben mit Kindern anfällt, mindestens genauso in meinen Zuständigkeitsbereich fällt und ich mich als Vater dieser Verantwortung nicht entziehe.

(Ich habe den Text ursprünglich zur Veröffentlichung an einem anderen Ort geschrieben. Weil das nicht geklappt hat, gibt´s ihn nun in leicht veränderter Form hier in meinem Blog.)

6 Antworten

  1. palina sagt:

    als Großmutter beobachte ich mit großer Sorge die gesellschaftliche Entwicklung.
    Liebe Mütter:“Bleibt zuhause und kümmert euch um die Kinder.“
    Liebe Väter:“Hört endlich auf ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ihr keine Windeln anlegt und nicht auf dem Spielplatz sitzt, weil ihr eurer Arbeit nachgeht.“
    Leider geht die heutige Betrachtungsweise immer vom wirtschaftlichen Standpunkt aus.
    Kinder zu haben ist mit vielen Vorteilen verbunden. Es ist wunderbar ein Kind zu begleiten und auch von ihnen zu lernen. Wie schön, wenn die Mutter die ersten Laufversuche selbst mitbekommt oder das erste Wort.
    Gemeinsam das Mittagessen geniessen, wenn die Kinder aus der Schule kommen.
    Wer das als Kind erlebt hat, wird später viel sicherer im Leben stehen, weil es nicht mit Bindungs-Ängsten konfrontiert wurde.
    Eine Familie sollte ein sicherer Hafen für die Kinder sein.

    • jochen sagt:

      Ich glaube, dass eine Familie auch ein „sicherer Hafen“ für die Kinder sein kann, wenn die Mutter nicht alle Aufgaben in Bezug auf die Kinder alleine übernehmen muss. Ja, es ist auch schön, für Kinder da zu sein und diese zu begleiten, aber es ist auch Arbeit und Verantwortung und ich verstehe nicht so ganz, warum es ok sein sollte, wenn sich Väter dieser Arbeit und Verantwortung einfach so entziehen.

    • Margret sagt:

      @ palina
      Ich verstehe nicht ganz, kritisieren Sie damit „Liebe Mütter:“Bleibt zuhause und kümmert euch um die Kinder.“
      Liebe Väter:“Hört endlich auf ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ihr keine Windeln anlegt und nicht auf dem Spielplatz sitzt, weil ihr eurer Arbeit nachgeht.““

      nun die gesellschaftliche Entwicklung in diese Richtung oder wollen Sie Mütter und Väter auffordern, so zu handeln? Falls zweiteres hätte ich doch die Frage an sie, warum nur Mütter ihrer Meinung nach zu Hause bleiben sollen. Und warum Väter kein schlechtes Gewissen haben sollten, wenn Mütter es doch offenbar haben sollen. Und warum dies hier „Wie schön, wenn die Mutter die ersten Laufversuche selbst mitbekommt oder das erste Wort“ nur Mütter betreffen sollte.

      @ Jochen Super Text!

  2. Wernochmal? sagt:

    Hallo Jochen,
    das von Dir dargestellte Rollenbild besteht in unserer Gesellschaft und ist leider nicht so leicht umzukrempeln.
    Nach meiner Erfahrung sind es aber nicht alleine die Väter, die sich dahinter „verstecken“. In meinem Umfeld gibt es auch viele Frauen, die sich nach erfolgreicher Schwangerschaft zur Vollzeit-Mutterschaft berufen fühlen.
    Wenn Beide Elternteile damit fein sind und es sich leisten können, ist das ein klassisches, gutes Familienmodell was funktioniert und in dem Kinder sicher aufwachsen können.
    Wenn nun aber ein Vater mit einer solchen Mutter an seiner Seite gerne mehr Erziehungsarbeit und weniger Erwerbsarbeit leisten möchte, wird das sehr sehr schwierig. Dann greift nämlich meistens die Zwickmühle des Mehr-verdienenden und des „fürsorglicheren“ Elternteils.

    @ Palina: Früher war Alles besser !?

    • Jochen sagt:

      Ich habe schon in einigen Texten geschrieben, dass ich nicht denke, dass Väter in den ersten Monaten von den Müttern davon abgehalten werden, sich um das Baby zu kümmern. Wenn sich ein Vater dann entscheidet, lieber alles auf die eigene Karriere zu setzen, statt eigene finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen um Zeit mit dem Kind zu verbringen, ist das seine Entscheidung.

  1. 2. April 2016

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