Normalität nervt

2016-05-12 15.24.15

Ich spreche gerne über meine Familie. Ich gehe offen mit meiner Familienkonstellation um. Ich schreibe darüber und gebe im Schnitt ein bis zwei Interviews pro Woche. Ich gebe offen Auskunft und meistens komme ich auch mit den negativen Reaktionen ganz gut zurecht.

Was für andere den Beginn vom „Untergang des Abendlandes“ oder von einer „schönen neuen seelenlosen Zombiewelt“ markiert, ist für mich einfach meine Familie. Was Außenstehende interessant, kurios oder spannend finden, ist für mich Alltag. Oft bin ich überrascht über die Fragen, die an mich gerichtet werden. Dann wundere ich mich beispielsweise darüber, dass es für manche eine völlig neue Information ist, dass die Natur das mit der Fortpflanzung beim Menschen so eingerichtet hat, dass kein Sex notwendig ist, um ein Kind zu zeugen.

Manchmal habe aber auch ich keine Lust auf fragende Gesichter. Nicht immer und in jeder Situation habe ich Lust, mich und meine Familienkonstellation zu erklären. Meistens ist es mit einem Satz nicht getan. Wenn ich sage, dass ich zwei Kinder mit drei Müttern habe, provoziert das Nachfragen. Über unsere Alltagsorganisation. Über meine Sexualität oder die der Mütter. Über meinen Beziehungsstatus. Immer wieder stehe ich vor der Entscheidung, ob ich teilweise völlig fremden Menschen Details aus meinem Leben erläutere und mich damit ihren Nachfragen und Bewertungen aussetze. Oder ob ich den einfachen Weg wähle und die Person gegenüber nicht berrichtige, wenn sie mich und meine Familie falsch anspricht.

Als die Lehrerin am Elternsprechtag zum Abschied sagt, ich solle die Mutter der beiden schön grüßen, verzichte ich darauf, ihren falschen Singular zu korrigieren. Der Auftraggeberin erkläre ich beim Vorstellungsgespräch etwas umständlich, dass ich nur manchmal auch noch am späten Nachmittag Zeit habe, wenn die Kinder anderweitig betreut sind. Als der Mitreisende im Zug fragt, ob wir die Mutter zuhause gelassen haben, nicke ich nur müde.

Zurück bleibt in vielen Situationen ein ungutes Gefühl, mit der eigenen Familienkonstellation nicht gesehen zu werden, und manchmal auch das Wissen, dass die fragenden Gesichter, Nachfragen, Erklärungen und Bewertungen – wie im Fall der Lehrerin – wahrscheinlich nur aufgeschoben und nicht aufgehoben sind.

Ich weiß, dass es manchen Menschen noch schwerer gemacht wird, sie selbst zu sein. Manchmal betreffen die Reaktionen der Umwelt noch viel grundlegendere Aspekte eigener Identität wie beispielsweise das zugeschriebene Geschlecht. Und ich bekomme ja auch viele positive Rückmeldungen. Gleichzeitig zu den Reaktionen auf meine Co-Eltern-Familie erreicht mich beispielsweise auch immer noch eine absurde und ungerechtfertigte Wertschätzung, weil ich als einer dieser vermeintlich so tollen und engagierten neuen Väter identifiziert werde, und ich habe ein starkes Bedürfnis, das immer wieder zu problematisieren.

Sich immer wieder an einer vermeintlichen Normalität abarbeiten zu müssen, kann ganz schön anstrengend sein. Manchmal bin ich deshalb einfach müde. Ich gehe mal los, meine seelenlosen Zombies aus Kita und Schule abholen. Auf dem Spielplatz mit einem Eis in der Sonne schaffe ich es vielleicht, neue Kräfte zu mobilisieren und dem Untergang des Abendlands einen Schritt näher zu kommen…

Spielplatzselfie

Ein von Jochen König (@koenigjochen) gepostetes Foto am

3 Antworten

  1. Naja, letztlich ist es die eigene Entscheidung, wie weit man sich einlässt, wie weit man das persönliche nicht-normgerechte Leben als Verkündungsaufgabe annimmt – oder sich halt entzieht, die Fragen und Bewertungen ignoriert.

    Dir herzlichen Dank, dass du dich offensichtlich oft für Ersteres entscheidest! Kultur und Fortschritt brauchen Vermittlung und Menschen, die das leben, aber auch bereit sind, sich zu erklären.

  2. J sagt:

    Versteh ich, diese Müdigkeit. Hoffe, Eis und Kids und Spielplatz haben die wieder etwas Energie gegeben.
    Das ist eben diese Ambivalenz: Anderssein ist anstrengend. Normalsein auch. Ich hab schon das Gefühl, dass du es brauchst, gegen den Strom zu schwimmen. Wenn dein Lebensmodel nun der Norm entspräche – ob du dann einfach zufrieden wärst? Aber manchmal ist es eben anstrengend, oh ja.

  3. @Claudia, das sehe ich anders. Im Alltag gibt es nicht so viele Möglichkeiten, die eigene Konstellation nicht weiter zu erklären, außer, man möchte irgendwie ganz außen vor bleiben oder wenigstens immer ein paar merkwürdige unausgesprochene Dinge zwischen sich und Halbfremden wie anderen Kita-Eltern lassen.

    Es reicht auch schon, wenn die Kinder im Supermarkt zueinander sagen: „Das Buch da hab ich bei meinem Papa! Du hast das bei Deinem Papa bestimmt nicht“. Mal original aus meinem Leben gegriffen, und wer kann es ihnen verübeln. Es ist ihre Normalität, von der sie ständig erleben, wie ich sie nicht komplett überall ansprechen mag und die in dem Kinderbuch aus dem Beispiel selbst mit 1000%iger Wahrscheinlichkeit nicht vorkommen würde.

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