Ein Update aus meiner Co-Eltern-Familie

2016-05-30 16.17.56

Mein Wecker klingelt um kurz nach halb 7 Uhr. Aufstehen. Ich wecke beide Kinder. Der einen lege ich ihre Klamotten ans Bett, der anderen wechsele ich die Windel und ziehe sie an. Ich schmiere ein Schulbrot, schneide noch einen Apfel dazu, mache Frühstück und wir setzen uns zu dritt an den Frühstückstisch. Danach Zähne putzen. Schuhe anziehen. Und los zur Schule. Verabschiedung von der großen Tochter. Weiter zum Kindergarten. Dort Verabschiedung von der kleinen Tochter. Gegen 9 Uhr bin ich im Büro.

Vor einigen Jahren hatte ich den Gedanken, ein Kind außerhalb einer Liebesbeziehung bekommen zu wollen. Und nun lebe ich seit mittlerweile eineinhalb Jahren in einer queeren Co-Eltern-Familie. Aus einer anfangs eher vagen Idee, ist ein ganz realer Alltag geworden. Ich habe zwei Kinder im Alter von sieben und eineinhalb Jahren. Und zu diesen beiden Kindern gibt es außer mir noch drei weitere Mütter.

Ein Kind ist etwas mehr als die Hälfte der Zeit bei mir, das andere etwas weniger als die Hälfte der Zeit. Manchmal sind beide Kinder bei mir, an einzelnen Tagen habe ich jeweils nur ein Kind bei mir, und ich habe regelmäßig komplett kindfreie Tage. Wenn die Kinder bei mir sind, bin ich mit ihnen alleine. Die Mütter wohnen in jeweils angrenzenden Bezirken.

Wie in allen anderen Familien auch, gibt es ständig irgendwas zu organisieren. Oft werde ich gefragt, ob es nicht ein immenser logistischer Aufwand sei, mit drei Müttern den Alltag zu koordinieren und abzusprechen. Ja, Alltagsorganisation ist anstrengend. Ich wüsste aber nicht, warum es aufwändiger sein sollte, die ganzen anstehenden Fragen via Whatsapp-Gruppe zu klären als am familiären Abendbrottisch. In den letzten Wochen war ich viel für Lesungen und Vorträge unterwegs. Deshalb mussten wir hin und wieder von unserem Wochenplan abweichen und Tage tauschen. Ansonsten haben wir aber unseren festen 14-tägigen Ablauf, der sich im Laufe der Zeit zwar immer mal wieder geringfügig ändert, aber auf den wir uns alle grundsätzlich verlassen können.

Viele Übergaben machen wir über Kindergarten und Schule. Ich bringe die Kinder am Übergabetag in die Kita bzw. die Schule und jeweils eine Mutter holt sie ab. Oder umgekehrt. Wenn die Kleine nach ein paar Tagen wieder bei mir zuhause ist, bleibt sie manchmal eine Viertelstunde in meiner Nähe und schaut sich um, bevor sie in ihr Kinderzimmer krabbelt, um Spielzeug ins Wohnzimmer zu schleppen. Auch wenn sie nur knapp die Hälfte der Zeit bei mir ist, kennt sie sich in der Wohnung ganz genau aus. Sie findet ihre Schuhe, wenn ich ihr sage, dass wir rausgehen wollen. Sie weiß, wo sie hinkrabbeln soll, wenn ich vor dem Schlafengehen sage, dass sie noch ihre Zähne putzen muss. Wir Eltern halten uns gegenseitig auf dem Laufenden, schicken uns Fotos und Videos vom Kind. Wenn wir uns für eine Übergabe treffen, freut sie sich immer riesig, mich bzw. ihre Mütter zu sehen. Sie fühlt sich bei uns allen wohl und auch wenn sie erst eineinhalb Jahre alt ist, weiß sie ganz genau, dass sie in zwei Wohnungen zuhause ist.

Ich bin sehr glücklich mit meiner Familie. Ich habe zwei wundervolle Kinder. Die beiden sind gerne bei mir und ich genieße die Zeit mit den beiden. Was andere für den Beginn einer „schönen neuen seelenlose Zombiewelt“ halten, ist meine wundervolle Familie. Ich lebe sehr gerne mit meinen Kindern alleine und finde es gleichzeitig ganz grandios, dass es da noch drei weitere Elternteile in meiner Familie gibt, die immer für meine Kinder da sind, auf die sich die Kinder immer verlassen können und auf die auch ich mich immer verlassen kann.

Das Leben mit Kindern ist trotz der auf vielen Schultern verteilten Last zwischendurch sehr anstrengend. Ich schaffe nebenbei viel weniger, als ich es mir zwischendurch immer mal wieder wünsche. In den letzten Monaten brachten Krankenhausaufenthalte und die dazugehörige Sorge immer mal wieder alles durcheinander. Einige meiner soziale Kontakte liegen brach. Bei einigen Freund_innen melde ich mich viel zu selten. Ich bin voller Hoffnung, dass das in der nächsten Zeit nur besser werden kann.

Gegen 15 Uhr bin ich wieder in der Kita, um die Kleine abzuholen. Auf dem Weg nach Hause gehen wir zusammen einkaufen. Kurz zuhause den Einkauf abladen. Gegen 16 Uhr sind wir an der Schule. Dann zu dritt auf den Spielplatz. Eis essen. Die Große ist meistens irgendwo mit ihren Freund_innen unterwegs. Die Kleine erforscht eher die nähere Umgebung um mich herum. Gegen 18 Uhr gehen wir nach Hause. Ich mache Abendbrot. Wir essen zusammen. Streiten und lachen miteinander. Dann geht die Kleine schon ins Bett. Die große Tochter putzt sich währenddessen ihre Zähne, zieht sich um und schaut noch eine Folge irgendwas auf Netflix. Danach lege ich mich mit ihr ins Bett. Wir besprechen den Tag. Ich mache ihr noch ein Hörspiel an. In der nächsten Stunde muss ich irgendeinem Kind eventuell nochmal was zu trinken ans Bett bringen oder den Schnuller hinter dem Bett suchen. Dann habe ich endlich Feierabend.

Arbeiten auf dem Spielplatz

Ein von Jochen König (@koenigjochen) gepostetes Foto am

4 Antworten

  1. Ha! Ein abendliches Hörspiel! Diese geschilderten Tagesabläufe halten tatsächlich immer wieder kleine nette Anregungen (Erleichterungen!) bereit, auch ganz abseits der eigentlichen Intention. Danke dafür 🙂 Mir gehen am Bett des Kindes die erfundenen Geschichten schön langsam aus und außerdem ist das Selber-Erzählen/Erfinden (so nett ich es ja finde) auch ganz schön anstrengend.

  1. 18. Juli 2017

    […] König in seinem Blog. Rechtlich ist diese Familienkonstellation trotzdem schwierig. Rechte und Pflichten liegen immer […]

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