Ein schönes Kleid. Roman über eine queere Familie – Rezension

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Jannis und Levi wollen ein Kind. Ein schwules Paar darf in Deutschland kein Kind adoptieren. Lösungen im Ausland sind aus finanziellen und politisch-ethischen Überlegungen nicht unproblematisch. Gemeinsame Freundinnen, die bereit wären, ein Kind für die beiden auszutragen, stehen auch nicht unbedingt Schlange. Es bleibt (zumindest in Berlin) die Bewerbung zur Aufnahme eines Pflegekindes.

Jasper Nicolaisen erzählt in seinem Roman „Ein schönes Kleid“ die Geschichte von Jannis und Levi. Im Rahmen ihrer Bewerbung als Pflegeeltern sind sie gezwungen, sich ausführlich Gedanken zu machen über ihre eigene Geschichte, ihre Beziehung, ihren Kinderwunsch und ihre Erziehungsvorstellungen – „kein Heteropaar, das leibliche Kinder bekommt, muss vorher wochenlang Reflexionsbögen ausfüllen.“

Bereits in seinem Text „Feldeffekte. Queerness, Familie, Verantwortung“ im Sammelband „The Mamas and the Papas. Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse“ charakterisiert Nicolaisen queere Elternschaft vor allem als (teilweise erzwungenermaßen) „bewusste Elternschaft“ im Spannungsfeld zwischen dynamischen Identitäten, der alltäglichen Verantwortungsübernahme sowie der emotionalen und unmittelbaren Beziehung zum Kind.

Der familiäre Reflexionsprozess nimmt konsequenterweise einen großen Raum im Buch ein. Darüber hinaus geht es um den Kontakt mit dem Jugendamt, das Kennenlernen von Pflegekind Valentin, die erste Zeit zu dritt, die Reaktionen des Umfelds, den Umgang mit Valentins leiblicher Mutter, den Familienalltag und die Kitaplatzsuche. Ebenso um die Besonderheiten, denen sich die Pflegefamilie stellen muss. Nicolaisen beschreibt, wie es ist, von Außenstehenden immer wieder daran erinnert zu werden, dass die auf Dauer angelegte Pflege theoretisch auch vorzeitig enden könne, auch wenn das sehr unwahrscheinlich ist. Er beschreibt, wie es ist, wenn ein Kind plötzlich und ohne Vorbereitungszeit in Form einer Schwangerschaft ins Leben einer Familie tritt. Er beschreibt, wie es ist, wenn dieses Kind bereits eine eigene Geschichte und Herkunftseltern mitbringt.

Die Geschichte der beschriebenen Familie erscheint an manchen Stellen skurril und einzigartig, die Charaktere sind auf eine wundervolle Art und Weise individuell und wenig beispielhaft. Gleichzeitig wirkt die Geschichte – trotz eines sprechenden Hundes und überzeichneter Jugendamtsmitarbeiterinnen und sicherlich vor allem durch die von mir unterstellte Nähe zwischen Autor und Romanfigur – niemals konstruiert und unglaubwürdig. „Ein schönes Kleid“ ist eine schön zu lesende queere Familiengeschichte, eine Geschichte von Vätern mit ihrem Kind, die weit über die medialen Geschichten „halbwegs moderner Väter“ hinaus geht, und nicht nur deshalb wünsche ich dem Buch eine größere Aufmerksamkeit.

Nicolaisen, Jasper: Ein schönes Kleid. Roman über eine queere Familie, Querverlag Berlin 2016

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