Wie werde ich (k)ein Mann? Lektion 374: Die Vagina und das Auge von Mordor

In der Grundschule sitze ich neben Christian. Ich soll mit ihm ein Spiel spielen. Er bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis – ein „Loch“. Ich darf nicht in dieses Loch schauen, sondern muss stattdessen meinen Zeigefinger in das Loch stecken. Das Loch darf dabei nicht auf Augenhöhe gehalten werden. Schaue ich in das Loch, bekomme ich einen Schlag auf den Oberarm.

Ich bin nicht gut in diesem Spiel. Oder anders: Christian ist mir während der gesamten Grundschulzeit körperlich überlegen. Er setzt seinen Körper so ein, dass ich das Loch mit meinem Finger nicht erreichen kann. Und irgendwann im Laufe eines Tages bringt er mich immer dazu, in seine Richtung und damit auch irgendwie in das Loch zu schauen. Wenn ich doch einmal das Loch mit meinem Finger erreiche, zieht Christian Zeigfinger und Daumen zusammen, hält meinen Finger fest und erfindet die neue Regel, dass sich der Finger nicht durch das Loch fangen lassen dürfe. Auch das hat dann einen Schlag zur Folge. Seine Schläge tun mir weh. Ich traue mich meistens nicht, das zuzugeben.

Als Christian mich schlägt und ich meinen Schmerz nicht verbergen kann, sage ich zu ihm, dass mir das Spiel keinen Spaß macht. Er antwortet jedoch nur, dass es ja eigentlich gar kein Spiel sei. Es sei ein Gesetz: Wer ins Loch guckt, muss geschlagen werden.

Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob wir es jemals offen aussprechen, aber dennoch bin ich mir heute sicher, dass für uns damals klar ist, worum es sich bei dem „Loch“ und dem „Finger“ handeln sollte. Ich lerne durch das Spiel, dass eine Vagina vom Gruselfaktor ungefähr im Bereich des Auges von Mordor liegt. Auf keinen Fall hinsehen und sich in den Bann ziehen lassen! Und die einzige Möglichkeit, sich gegenüber Mordor zu behaupten, liegt in der Durchsetzungskraft des eigenen Penis.

Auch ich versuche hin und wieder Christian dazu zu bringen, in ein von meinen Fingern geformtes Loch zu schauen. Wenn er es tut, hält er mir bereitwillig seinen Oberarm entgegen, damit ich ihn schlagen kann. Es tut ihm nie weh. Zumindest sagt er das.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich mir fest vornehme, all meine Kraft zusammenzunehmen und Christian so fest zu schlagen, wie ich kann. Ich erinnere mich daran, dass ich mir vornehme, ihm eine Lektion zu erteilen. Ich möchte, dass er am eigenen Leib erfährt, wie wenig Spaß mir dieses Spiel macht. Doch ich scheitere kläglich. Auch an diesem Tag lächelt er nur und lässt kein Anzeichen von Schmerz erkennen. Weil Christian nach meinem Schlag lächelt, fange ich an zu weinen.

Ich bin gerade etwa 10 Jahre alt und an diesem Tag in einer schweren Krise mit meiner Männlichkeit. Ich erinnere mich noch sehr genau an meine Verzweiflung. Ich bin einfach zu schwach, um das Spiel mitzuspielen. Diese Erkenntnis tut weh. Ich erinnere mich aber besonders deshalb so gut an diesen Tag, weil ich in diesem Moment zum ersten Mal erkenne, dass das Problem nicht nur in meiner Schwäche liegt, sondern auch in der Logik des Spiels. Und ich fasse den Entschluss, bei diesem Spiel nicht weiter mitzuspielen.

Nicht mitzuspielen bedeutet in diesem Fall nicht, dass ich danach nicht mehr geschlagen werde, nachdem ich ins Loch schaue. Es bedeutet auch nicht, dass es sofort einfacher wird, damit umzugehen, denn ich nehme nach diesem Tag jeden Schlag als Schlag wahr und nicht mehr als Teil eines Spiels. Aber es bedeutet, dass ich nicht mehr versuche, das Loch mit meinem Finger zu erreichen und dass ich auch nicht versuche, andere dazu zu bringen, ins Loch zu schauen. Ich versuche nach diesem Tag häufiger ehrlich zu sagen, wenn mir ein Schlag weh tut. Und das fühlt sich oft gut an.

Im Nachhinein ist es meine früheste Erinnerung an den Gedanken, dass es mir eventuell besser gehen könnte, wenn ich an manchen Stellen beim Thema Männlichkeit einfach aussteige, nicht mitspiele und wenn ich den Maßstab für Erfolg und Scheitern nicht einfach aus einer stereotypen Erzählung über Männlichkeit übernehme. In meiner Erinnerung ist es der erste Tag, an dem mich dagegen zur Wehr setze, ein Mann zu werden.

8 Antworten

  1. J. F. sagt:

    Vielen Dank für diesen kurzen Text! Ich kann mich auch an dieses Spiel erinnern und teile Ihre Auffassung bzgl. der metaphorischen Bedeutung der Gesten. Mir war das schon immer zuwider.

  2. queere_Femme sagt:

    Interessant. Ich kenne dieses Spiel nicht. Haben das nur Jungs gespielt? Gibt es ein vergleichbares Spiel für Mädchen im selben Alter? Ich kann mich bloß an Vater-Mutter-Kind Rollenspiele erinnern.
    S., Frau, 40 Jahre alt

    • Jochen sagt:

      Die Vater-Mutter-Kind-Rollenspiele finden doch eher früher im Kindergarten statt, oder?
      Bei uns haben dieses Spiel nur die Jungs gespielt, aber das ist nur meine Erfahrung.

      • queere_Femme sagt:

        Vater-Mutter-Kind verbinde ich mit der Grundschulzeit. An den Kindergarten habe ich kaum Erinnerungen. Vielleicht bin ich da eine Ausnahme.

  3. Anna sagt:

    Ich kenne das Spiel auch. Wir haben es auch unter Mädchen gespielt. Für mich hat es nicht diese Bedeutung. Die Schläge waren aber auch nicht schmerzhaft bzw. gab es meist nur den Ausruf „Hah, verloren.“. Wahrscheinlich hat(te) das Spiel unter Jungen teilweise eine andere Bedeutung, denke ich. Ich konnte deine Empfindungen in dem Text jedenfalls gut nachempfinden. Toll, dass du nicht mehr mitgespielt hast. Ich wünsche mir, dass mein Sohn so früh wie möglich so stark ist, diesen Schritt zu gehen.
    Toller Text.

    • Jochen sagt:

      Danke.
      Ich habe mittlerweile einige Berichte unterschiedlicher Varianten des Spiels als Rückmeldung auf den Text bekommen. Es gibt sicherlich nicht die einen allgemein gültigen Regeln. Es handelt sich im Text um meine persönliche Erfahrung, aber ich glaube es zeigt trotzdem ganz gut, wie Männlichkeit schon in recht frühem Alter konstruiert wird.

    • queere_Femme sagt:

      Ja, das wünsche ich mir auch, sollte ich mal einen Sohn haben. 🙂

  4. Lila sagt:

    woargh. Ich kenne das Spiel auch,ich habe aber auch viele Brüder. Und ich fand es immer scheiße, aber eher in nem diffusen Gefühl von blöd finden. Deine Sichtweise finde ich gleichermaßen schlüssig und gruselig. Schockierdende Realität.
    Ich bin neulich Bus gefahren. Das „Spiel“ wird samt sämtlicher Variationen auch im Jahre 2017 „gespielt“.
    Bist du da damals eigentlich selbst drauf gekommen oder mit Unterstützung von Eltern, Bezugspersonen, Literatur, Freunden, Erzeiher_innen, Familie oder irgendwem?

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