Thessaloniki. Ein Reisebericht. (Ohne Kinder.)


Der Winter in Berlin ist kalt und grau. Und lang. Als meine Laune irgendwann im Februar auf dem Tiefpunkt angekommen ist, frage ich Linda, ob sie mit mir spontan für ein paar Tage in den Süden fliegen möchte. Zumindest so halbwegs spontan wie Eltern bestenfalls sein können. Die günstigsten Flüge am nächstmöglichen gemeinsamen (kind-)freien Wochenende gehen nach Thessaloniki.

Die Kinder sind bei ihren Müttern bzw. Lindas Kind bei seinem Vater. Wir stehen am Samstag noch etwas früher auf als sonst mit den Kindern. Noch vor 8 Uhr geht unser Flug. Am späten Vormittag Ortszeit sind wir in Thessaloniki. Wir fahren mit dem Bus vom Flughafen in die Innenstadt.

Ich habe in den letzten beiden Jahren sehr wenig Urlaub gemacht. Mit zwei Kindern traue ich mir (noch) nicht so viel zu. Aber sie werden größer und damit wird es hoffentlich demnächst etwas unkomplizierter mit den beiden unterwegs zu sein. Bleibt vor allem die finanzielle Frage zu dritt. Meine Freiberuflichkeit läuft irgendwie, aber bei der Auswahl der Urlaubsziele muss ich noch etwas mehr als bisher aufs Geld achten. Für dieses Jahr habe ich mir dennoch vorgenommen, wieder mehr Urlaub zu machen. Der erste davon führt mich ohne die Kinder nach Thessaloniki. Der Flug kostet hin und zurück etwas mehr als 40 €.

Über Thessaloniki weiß ich vorher nicht viel. Immerhin ist die Stadt groß genug, um auf dem Puzzle verzeichnet zu sein, das ich kürzlich mit Fritzi gepuzzelt habe.

Wir laufen die Uferpromenade hoch und runter, trinken einen Cappuccino nach dem anderen und essen Falafel in der Sonne. Wir haben keinen Plan, keine Termine, keine To-Do-Liste. Schnell bin ich begeistert von Thessaloniki. Und eher zufällig sind wir in einer Stadt mit einer bewegenden Geschichte gelandet.

Mittelmeer

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Bei einem Großbrand im Jahr 1917 wurde fast das gesamte Stadtzentrum zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus wurden die Straßen schachbrettartig angeordnet und viele Gebäude in der Innenstadt sind in den 1920ern gebaut. Das Straßenbild erinnert mich deshalb an eine andere Stadt, die zu einer ähnlichen Zeit gebaut wurde und auf einem ähnlichen Breitengrad liegt: Tel Aviv.

Am Sonntagvormittag findet am Holocaustmahnmal in Thessaloniki eine Gedenkveranstaltung mit Überlebenden der Shoah statt. Im März vor 74 Jahren begannen die Deportationen von etwa 48.000 Jüdinnen und Juden aus Thessaloniki. Mehr als 46.000 von ihnen wurden ermordet. Die „Fahrkarten“ für ihre Deportation mussten sie selbst bezahlen. Eine Rückzahlung lehnen sowohl die Deutsche Bahn als auch die Bundesregierung bis heute ab.

Einst war die Stadt aufgrund ihrer jüdischen Bevölkerungsmehrheit als „Jerusalem des Balkans“ bekannt. Kaum etwas erinnert heute mehr daran. In der Nähe unseres Hotels liegt das kleine jüdische Museum, das die lange und wechselhafte Geschichte der jüdischen Gemeinde Thessalonikis erzählt.

Auf meinen Tweet antwortet mir eine Arbeitskollegin, die zufällig mit Freund und Kind ebenfalls gerade in Thessaloniki ist. Wir treffen uns auf einer Wiese am Weißen Turm und verabreden uns auch für den nächsten Tag zum gemeinsamen Museumsbesuch.

Nach dem Museum steigen wir am Montagnachmittag die Treppen hoch in die Altstadt. Es ist sommerlich warm. Wir essen unser erstes Eis des Jahres und genießen den Blick über die Stadt.

Blick über Thessaloniki

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Dienstag fliegen wir zurück nach Berlin. Passend zu den Eindrücken der Tage zuvor sitzt einer der deutschlandweit wahrscheinlich bekanntesten und zumindest anhand der Facebook-Likes beliebteste antisemitische Verschwörungstheoretiker und „Hetzer in deutscher Tradition“ (Antilopen Gang) mit uns im Flugzeug und sogar neben uns in derselben Reihe auf der anderen Seite des Gangs. Ich bin leider nicht mutig genug, etwas zu ihm zu sagen. Wir landen in Berlin und es regnet.

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