Im Zweifel für den Zweifel


Vor mittlerweile etwa einem Jahr war ich bei einem insgesamt dreitägigen Workshop zu theatral-spielerischen Reflexionen von Männlichkeit. Der Workshop trug den Titel „Im Zweifel für den Zweifel“ – ein Verweis auf einen Song von Tocotronic.

„Unser Workshop richtet sich an Männer, die sich kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen möchten – mit männlicher Dominanz und der Verwicklung in sexistische Strukturen ebenso wie mit Nachteilen, die aus Männlichkeitsanforderungen und dem System hegemonialer Männlichkeit resultieren“, schrieben die Organisatoren in der Ankündigung. (Link zur Ankündigung des identischen Workshops im Herbst 2018)

Es gab kleinere Inputs durch die Trainer zu theoretisch-wissenschaftlichen Ansätzen der Auseinandersetzung mit Männlichkeit beispielsweise bezugnehmend auf Raewyn Connell. Wir, etwa 15 Teilnehmende und 3 Trainer, sprachen, diskutieren, stritten darüber hinaus drei Tage lang über Männlichkeit, Privilegien, persönliche Erfahrungen und erprobten spielerisch alternative Handlungsoptionen.

Neben den inhaltlichen Aspekten, die mich sowieso die ganze Zeit beschäftigen, stellt sich zwei Fragen:

Wo wird Männlichkeit außerhalb solcher Workshops kritisch (weiter) diskutiert? Hier hat sich allein im letzten Jahr sicherlich einiges getan und ich glaube, es gibt mittlerweile beispielsweise im Kontext von #metoo eine etwas breitere öffentliche Auseinandersetzung um Männlichkeit(en) als noch vor einem Jahr – wenn sich auch die Beteiligung von Männern an dieser Auseinandersetzung viel zu oft in der Verteidigung eines Status Quo erschöpft.

Und als zweite Frage: Woran können diese Diskussionen anknüpfen? Natürlich in erster Linie an die vielen wichtigen Gedanken, die seit Jahrzehnten von Feministinnen formuliert werden. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, in vielerlei Hinsicht neu anfangen zu müssen, waren wir in dem Workshop auch nicht die ersten, die sich aus einer männlichen Perspektive kritisch und profeministisch mit Männlichkeit auseinandersetzen wollten.

Um bereits geführte Diskussionen wieder zugänglich zu machen, bildete sich aus dem Workshop im letzten Jahr die Initiative, alle 18 Ausgaben des „Männerrundbriefs“ von 1993 bis 2002 online zu stellen. (Danke unter anderem an queer_topia* fürs Scannen und Hochladen!) Der Männerrundbrief war eine Zeitschrift, die aus einer radikalen Männerbewegung heraus entstand und die sich explizit profeministisch positionierte. In den alten Ausgaben lassen sich Auseinandersetzungen finden, die noch heute aktuell sind. So wird beispielsweise die Frage „Gibt es politisch korrekten Sex?“ diskutiert und es findet sich auch schon 1994 eine ausführliche Kritik an Väterrechtsgruppen und ihrer Forderung nach geteilter Sorge nach einer Trennung.

Eingestellt wurde der Rundbrief, weil es eine radikale profeministische Männerbewegung irgendwann nicht mehr gab bzw. heute nicht mehr gibt. Die Fragen, die Diskussionen, die Themen und die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung gibt es jedoch weiterhin:

Im Zweifel für den Zweifel/Das Zaudern und den Zorn/Im Zweifel fürs Zerreißen/Der eigenen Uniform
Im Zweifel für den Zweifel/Und für die Pubertät/Im Zweifel gegen Zweisamkeit/Und Normativität

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