Passt auf, wie ihr über Familien sprecht!

Öffentlichkeit und Politik sind noch immer vor allem auf Familien mit einem heterosexuellen Liebespaar cis-geschlechtlicher Personen ausgerichtet, die mit einem, zwei oder allerhöchstens drei eigenen leiblichen Kindern zusammenwohnen. Die Realität sieht aber schon längst viel vielfältiger aus.

Ich habe zwei Töchter zusammen mit drei Müttern. Meine große Tochter lebt seit ihrer Geburt überwiegend bei mir und nennt mich „Mama“, die noch nicht ganz so große habe ich zusammen mit zwei weiteren Müttern, mit keiner von beiden war oder bin ich in einer Liebesbeziehung.

Ich gehe offen mit meiner Familiensituation um, stehe damit in der Öffentlichkeit. Ich halte Vorträge, in denen ich aus meiner Familie erzähle, ich schreibe in Zeitungsartikeln darüber, in meinem Blog, ich habe Bücher geschrieben, in denen ich von meiner Familie erzähle. Viele Menschen reagieren darauf. Manche reagieren auch mit Hass. Ich bekomme Nachrichten von Menschen, die mir schreiben, dass ich mit meiner Familie für den Untergang des Abendlandes verantwortlich sei.

Abweichungen von einer gesellschaftlich konstruierten Norm werden noch immer vielfach abgewertet. Weil ich so offen mit meiner Familiensituation umgehe, bekomme ich aber auch viele Nachrichten von Menschen, die mir von Abweichungen vom gesellschaftlichen Ideal in ihren Familien berichten. Diese Menschen binden es nicht unbedingt allen auf die Nase, wie ihre Familien funktionieren. Weil ich aber über meine Familie erzähle, trauen sie sich, auch mir von ihren Familien und ihren Besonderheiten zu berichten.

Was ich damit sagen will: Abweichungen von der Mama-Papa-Kind-Norm sind nicht immer sichtbar. Wer mit einer Selbstverständlichkeit von der bürgerlichen Mama-Papa-Kind-Kleinfamilie als Ideal spricht und nicht deutlich macht, dass es sich dabei nur um eines von vielen möglichen Familienmodellen handelt, wird von anderen Familien gar nicht hören und sie nicht wahrnehmen. Die Nachbar_innen oder Kolleg_innen werden vielleicht nicht von den Besonderheiten ihrer Familie erzählen, wenn sie nicht sicher sein können, dass es bei der Person gegenüber dafür eine Offenheit dafür gibt.

Also, mein Appell an diejenigen unter euch, die Politik machen, an diejenigen, die irgendwas mit Medien machen und über Familien schreiben, an diejenigen, die sich in Unternehmen beispielsweise mit dem Thema Familienfreundlichkeit befassen, Angebote entwickeln oder Ähnliches: Passt auf, wie ihr über Familien sprecht!

Viele sagen, bei der bürgerlichen Kleinfamilie handele es sich aber schließlich noch um die am häufigsten auftretende Familie. Ich sage: Vorsicht! Ihr seht vielleicht nur das, was ihr sehen wollt. Wenn ihr nur eine Familienkonstellation ansprecht, kommen auch nur diese Familien und nehmen eure Angebote wahr und ihr selbst gewinnt vielleicht den falschen Eindruck, es handele sich dabei um eine Mehrheit. Vielleicht ist es aber auch nur die Mehrheit derer, die sich angesprochen fühlen oder die sich euch gegenüber trauen, offen über die eigene Familie zu sprechen.

Die Realität ist schon längst vielfältiger als es in der Politik oder den Medien den Anschein hat. Am ehesten wahrgenommen werden noch Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil, Ein-Eltern-Familien. Es gibt Patchworkfamilien, es gibt Regenbogenfamilien, es gibt Co-Eltern-Familien, es gibt Familien mit trans Eltern. Männer gebären Kinder. Frauen sind mit ihrem Samen an der Zeugung von Kindern beteiligt. Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Es gibt Familien wie meine, in denen viele der genannten Aspekte und Konstellationen vorkommen.

Bisher ist der Diskurs noch immer viel zu oft an einem vermeintlichen Idealbild von Familie ausgerichtet. Ich wünsche mir stattdessen, eine Familienpolitik, die real existierenden Menschen und Familien zuhört, Diskussionen, in denen real existierenden Menschen und Familien zu Wort kommen. Ich wünsche mir, dass sich möglichst vielfältige, unterschiedliche Menschen an den Aushandlungsprozessen darum beteiligen können, was Familie bedeutet und wie unsere Gesellschaft in Bezug auf das Thema Familie gestaltet werden soll.

Der Text ist eine gekürzte Version eines Vortrags, den ich unter anderem beim Female Future Force Day am 25.08.2018 gehalten habe.

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