Ende der Liebe oder postgender Utopie?

Co-Elternschaft ist in der Wissenschaft angekommen. Das ist schön. Aber es fühlt ich auch nicht nur gut an, ein zu beforschendes Objekt zu sein und von Wissenschaftler_innen beschreiben, kategorisiert und bewertet zu werden. Gerade ist das Buch „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft“ der Berliner Soziologieprofessorin Christine Wimbauer erschienen. Sie schreibt, sie beziehe sich neben bisheriger Forschung zu Co-Elternschaft „auf publizierte Erfahrungsberichte, insbesondere auf ein Buch und Blogs von Jochen König, sowie auf weitere Blogs und am Rande auch auf Ratgeber.“ (S. 93) Auf Facebook habe ich mich bereits darüber geärgert, dass ich nicht vorher in irgendeiner Form von der Autorin kontaktiert oder zumindest darüber informiert wurde, dass sie sich in ihrer Argumentation in diesem Ausmaß auf meine Texte und Aussagen bezieht.

Dies wird hier keine objektive Rezension, schon gar nicht mit wissenschaftlichem Anspruch. Ich arbeite nicht wissenschaftlich. Und ich bin emotional involviert. Nicht nur meine politischen Aussagen, sondern meine Familie und mein Lebensentwurf stehen in Wimbauers Buch zur Debatte. Das mag wissenschaftlich völlig in Ordnung sein. Emotional fühlt sich dieser Umgang von Wissenschaft mit Aktivismus für mich schräg an. Ich, meine Familie und meine Kinder werden regelmäßig für unser Zusammenleben angefeindet. Da würde ich mich freuen, zumindest vorher Bescheid zu wissen und mich darauf vorbereiten zu können, wenn irgendwo so ausführlich und öffentlich über uns diskutiert wird und potentiell weitere Anfeindungen daraus entstehen.

Auch inhaltlich habe ich mich bei der Lektüre des Buchs an einigen Stellen geärgert. Meine Familie wird – neben einer weiteren Familien, die ähnlich oft zu Wort kommt – im Buch immer wieder an einer gesellschaftlichen Familiennorm einerseits und an einer völlig überzogenen Heilserwartung andererseits gemessen und bewertet. Ich möchte in diesem Text vor allem meine Kritik ins Zentrum stellen. Das heißt nicht, dass ich nicht auch viele anregende Gedanken und insgesamt eine gute Zusammenstellung der Themen herauslesen kann.

Schon auf der ersten Seite des Buches wird Heirat stellvertretend für Liebe gesetzt und das zeigt deutlich, wohin es geht und welche Vorstellungen von Familie und Liebe die Grundlage der Bewertung von Co-Elternschaft bilden. Wenn Liebe gleich Heirat und Ehe ist, dann fallen Familien ohne Ehe mindestens auf der ersten Seite schonmal nicht nur aus der gesellschaftlichen, sondern auch aus der vom Buch vorgegebenen Norm und machen sich im Bereich der Liebe verdächtig, wenngleich Wimbauer im Folgenden genau diese eigene Setzung zumindest kulturhistorisch einordnet und durchaus auch kritisch bearbeitet (nur um im Fazit dann doch „Heirat“ aus demselben Zitat nun mit „Familie gründen“ gleichzusetzen.)

Wimbauers Forschungsfragen lauten: „Führt Co-Parenting, das sich vermutlich weiter verbreitet, letztlich zu einem Ende der Liebe und der Familie, zu einem emotionalen Dystopia in einer zweckrationalisierten und entfremdeten Welt?“ (S. 25) oder „Entfaltet sich in der postromantischen Elternschaft ein emanzipatives Potential, das etwa Frauen aus patriarchalen Abhängigkeiten und Unterdrückungen und Menschen – nicht nur aus dem LGBTTIQ*A-Spektrum – von heteronormativen Herrschaftsverhältnissen befreit?“ (S. 26)

Ganz ehrlich, ich bin überrascht, dass soziologische Wissenschaft Fragen in dieser Form an einzelne wenige Familien und ihre Versuche, in dieser Welt zurecht zu kommen, richtet. Dabei schreibt sie durchaus, dass das gesellschaftliche Fragen sind und die einzelnen Familien keine individuelle Schuld trifft, wenn sie beispielsweise die utopischen Erwartungen nicht erfüllen können.-Sie beantwortet die Fragen dennoch anhand konkreter Aussagen einzelner Familien. Nochmal zur Erinnerung: Ausführlich zu Wort kommen bei Wimbauer selbst Menschen aus zwei Familien, wenige weitere an einzelnen Stellen. Zitiert werden darüber hinaus zwei Untersuchungen, im Rahmen derer 9 (Bender/Eck, 2020) und 6 (Schlender, 2019) Interviews geführt wurden. Überschneidungen der Familien sind wahrscheinlich, meine Familie ist in jeder der Teilmengen enthalten.

Werde ich mit meiner Familie Himmel oder Hölle einleiten? Wimbauer jedenfalls fragt damit in ihrem Buch ernsthaft, ob meine Familie (gemeinsam mit einer Handvoll anderer Familien) eher für Zerstörung oder Rettung der Welt verantwortlich sein wird. Sie stellt diese Fragen auch nicht rein rhetorisch. Sie kommt im Laufe des Buchs wieder darauf zurück, Co-Elternschaft zwischen „Dystopie, pragmatisch egalitäres Zukunftsmodell oder gar egalitäre postgender-Utopie“ (S. 28) einordnen zu wollen. Und wenn ich versuche, den emotionalen Impuls meiner ersten Reaktionen auf Facebook und nun die weiterhin emotionale Betroffenheit, die hier zum Ausdruck kommt, kritisch einzuordnen, dann spüre ich eine ganz persönliche Überforderung mit der in den Forschungsfragen formulierten Verantwortung mit meinen persönlichen Liebes- und Sorgepraxen über das Schicksal der Welt zu entscheiden. Eine Verantwortung, die ich aufgrund der sehr geringen Datenlage und der so ausführlichen Bezugnahme auf meine Aussagen auch an mich individuell und direkt gerichtet fühle.

Neben der aus meiner Sicht völlig überhöhten Rahmung durch diese Forschungsfragen behandelt das Buch durchaus wichtige und relevante Aspekte im Kontext von Co-Elternschaft – in den Kapiteln fünf, sechs und sieben „Beweggründe, Hoffnungen und Ängste“, „Versprechen und Emanzipationspotentiale“ und „Herausforderungen und strukturellen Erschwernissen“. Auch die Ausführungen zur romantischen Liebe sowie beispielsweise zu den „falschen Versprechen der modernen Kleinfamilie“ in den theoretischen Kapiteln sind in weiten Teilen interessant und mit etwas emotionalem Abstand kann ich diese Abschnitte sicherlich auch nochmal mit Gewinn lesen.

Co-Eltern-Familien seien „same, same! …but different“, bilanziert Wimbauer. Sie seien „genauso“, „genauso, aber anders genauso“ und „anders“ als die moderne Kleinfamilie. „Ein zentrales Ergebnis ist, dass Co-Parenting offensichtlich nicht zu einer Zerstörung von Familie, Bindungen und Verbindlichkeit führt.“ (S. 215) Puh, nochmal Glück gehabt. Aber auch: „Die Trennung von Liebe und Elternschaft und das hierauf basierende Co-Parenting führten bisher nicht zur Einlösung einer postgender-postromantischen Egalitätsutopie“ (S. 249) Gleichwohl könne aber im Co-Parenting „kleines, utopisches Potential“ (S. 238) stecken.

Wimbauer beschreibt anhand der Äußerungen einer Familie ausführlich, dass sich ungleiche Sorgearbeitsaufteilungen anhand der Geschlechter der Eltern auch in Co-Eltern-Familien finden. Auch in Co-Eltern-Familien können Väter Väter sein. Mit allem, was zum Vatersein dazu gehört. Sie sind weniger bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Sie haben kein Problembewusstsein für die ungleiche Sorgearbeitsaufteilung. Und sie deuten die eigene Untätigkeit als vermeintliche Lockerheit und Coolness. Keine Überraschung. Aber natürlich trotzdem gut, darauf hinzuweisen.

Ausführlich ist auch der Verweis auf die rechtlichen Hindernisse, auf Ausgrenzung und Diskriminierung. Wimbauer berichtet von Normalisierungsbemühungen von Co-Eltern-Familien. Sie analysiert, dass Co-Eltern-Familien versuchen, sich als „ganz normale Familien“ zu beweisen, um einer Infragestellung ihrer Legitimität zu entgegnen. Dabei betont sie, dass Co-Eltern-Familien eben genau in diesem Punkt „different“ also anders seien als andere Familien. So als wären manche Familien eben von Natur aus „ganz normale Familien“ und als wäre ihre vermeintliche Normalität nicht irgendwie genauso hergestellt, wie die Normalität von Co-Eltern-Familien. Anders sind vielleicht die Strategien und das eigene Bewusstsein über die Normalisierung, aber nicht die Normalisierung an sich. Unberücksichtigt bleibt hierbei, dass solche Normalisierungen auch durch die eigenen Forschungsfragen hergestellt werden. Wer in den Raum stellt, bestimmte Familien könnten für „das Ende der Liebe und der Familie“ verantwortlich sein, zwingt diese Familien in eine Normalisierung.

Die Aussagen der Eltern aus den Co-Eltern-Familien werden immer wieder mit der Schablone der bürgerlichen Kleinfamilie in Bezug gesetzt. Nachdem ich mit meiner persönlichen Erfahrung zitiert werde, dass bei gleichzeitiger Elternschaft und Paarbeziehung irgendwas auf der Strecke bleibe, kommentiert Wimbauer das als Entscheidung „entweder – oder“ und als Verzicht auf eines der beiden Aspekte. (S. 122) Ein Verzicht ist es jedoch nur aus der Perspektive der bürgerlichen Kleinfamilie. Ich entscheide mich nicht entweder für Kinder oder für eine Paarbeziehung, sondern für beides – nur in einer Konstellation, die nicht der angelegten Schablone entspricht. An anderer Stelle fragt sie zu eventuell verminderten Konfliktpotentialen aufgrund fehlender Liebesbeziehungsstreitigkeiten unter den Co-Eltern lapidar „Gibt es nicht auch ›glückliche‹ sich liebende Paare, die dennoch unablässig oder oft streiten?“ (S. 162) Klar, kann ich in meiner Liebesbeziehung viel streiten und trotzdem glücklich sein. Aber was hat das mit meiner Elternschaft zu tun? Der Satz macht nur Sinn, wenn Co-Elternschaft irgendwie im Widerspruch zu einer glücklichen Paarbeziehung stünde.

Ärgerlich oft wird auch „Liebe“ synonym zu „romantischer Liebe“ verwendet. Co-Eltern-Familien werden als „liebesfrei“ (S. 113, 235 und 261) oder als Familien „ohne Liebe“ (S. 123, 230, 256) bezeichnet, wobei an anderer Stelle die Frage nach der Abwesenheit von Liebe wiederum deutlich gegenteilig beantwortet wird: „Sind Co-Eltern-Beziehungen damit liebesfrei oder lieblos? Mitnichten.“ (S. 204) Es handelt sich bei den Bezeichnungen als „liebesfrei“ und „ohne Liebe“ also eher um eine sprachliche Unsensibilität und weniger um ein Analyseergebnis.

Auch im Fazit stellt Wimbauer wieder „Kinderwunsch im Rahmen einer Co-Eltern-Familie“ und „eigenes romantisches Liebesglück“ (S. 216) gegenüber. Ja, ich habe mich mit der Entscheidung für eine Co-Elternschaft gegen eine romantische Liebesbeziehung mit gemeinsamen eigenen Kindern entschieden. Aber ich habe mich nicht gegen romantisches Liebesglück entschieden, ich habe nur eine andere Vorstellung von romantischem Liebesglück als Wimbauer. Vielleicht habe ich mich nicht nur für eine Co-Elternschaft entschieden, weil ich eine bestimmte Vorstellung von Elternschaft hatte, sondern auch weil ich eine bestimmte Vorstellung von romantischem Liebesglück hatte und in diesem gemeinsame Kinder nicht vorkommen. Viele dieser Stellen verweisen auf ein sehr eingeschränktes Bild von Liebe/Liebesglück. Und das ist doch recht erstaunlich für eine Untersuchung, die sich mit der Zukunft der Liebe beschäftigen möchte. Das letzte Kapitel, das sich explizit nochmal den „Alternativen zur romantischen Liebe“ widmet, wirkt dabei seltsam unzusammenhängend ans Ende gestellt – wenngleich die darin angestellten Überlegungen nicht grundsätzlich uninteressant sind.

An vielen Stellen bleiben Wimbauers Ausführungen theoretisch. Ich vermute, dass sich im Interviewmaterial beispielsweise keine Co-Eltern finden ließen, die wiederum in (neuen) Liebesbeziehungen mit Menschen leben, die keine Mit-Eltern sind. Dass nicht alle Aspekte in derselben Tiefe abgebildet sein können, ist klar, zeigt aber noch einmal mehr die insgesamt dünne Datenlage im Verhältnis zur Vielfältigkeit des Themas. Das bedeutet nicht, dass es nicht trotzdem gut möglich ist, mit begrenzter Datenlage wichtige Untersuchungen durchzuführen. Es lassen sich damit nur nicht solche überhöhten und generalisierten Aussagen ableiten, wie sie in den Forschungsfragen formuliert wurden. In jedem Fall wird es nicht die letzte Untersuchung zum Thema Co-Elternschaft bleiben…

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