Wie ich mir meine schönen Samenleiter durchtrennen ließ

Wie alt sind Sie?, fragt mich der Arzt beim Vorgespräch. Er fragt mich nicht, ob ich schon Kinder habe, sondern direkt: Wie alt sind Ihre Kinder? Und was sagt Ihre Partnerin dazu? Ich hab mir vorher zuhause überlegt, wie ich auf diese Frage antworten möchte, um möglichst wenig erklären zu müssen und keinen besorgten Vortrag darüber zu bekommen, ob ich es mir auch wirklich gut überlegt habe. Der Arzt erklärt mir, wo er den Schnitt setzt, wie er die Samenleiter trennt und verknotet. Ob ich noch irgendwelche Fragen habe. Dann legen Sie sich nochmal kurz hierhin. Hose runter. Er tastet nach meinen Samenleitern. Alles gut. Das dürfte keine Probleme geben, sagt er. Die Samenleiter seien leicht zu ertasten. Jetzt noch einen OP-Termin finden. Ich bekomme einige Unterlagen, in denen ich alles nochmal nachlesen könne. Und die Rechnung. Dann bin ich wieder auf dem Weg nach Hause.

Ich bin meine Familienplanung in den letzten Jahren sehr überlegt angegangen. Ich habe mir genau überlegt, wie ich für Kinder sorgen bzw. wie ich mit Kindern zusammenleben möchte. Ich habe mir – zusammen mit den jeweiligen Müttern – überlegt, mit einem Kind für ein Jahr in Elternzeit zu gehen und nicht mit der Mutter zusammen zu wohnen und ein anderes Kind ohne Paarbeziehung und auf Basis einer gemeinsamen Freundschaft zu bekommen. Nun möchte ich keine weiteren (eigenen) Kinder bekommen.

Meine Familienplanung ist abgeschlossen. Ich bin sehr glücklich mit meinen beiden Kindern. Und ich bin sehr froh, dass beide nicht mehr ganz so klein sind. Schon vor einigen Jahren habe ich zum ersten Mal an eine Vasektomie gedacht. In den letzten 2 Jahren wurde die Idee für mich konkreter. Ich habe begonnen, mich zu informieren, habe Praxen recherchiert, Preise verglichen und Menschen, die diese OP schon hinter sich haben, nach ihren Erfahrungen gefragt. Nachdem mein Entschluss feststeht, brauche ich noch ein paar Monate, um letztendlich den Termin zum Vorgespräch auszumachen. Die Entscheidung fühlt sich gut an – selbstbestimmt und verantwortungsbewusst.

Etwa 2 Monate nach dem Vorgespräch mache ich mich wieder auf den Weg in die Praxis. Das große Kind bleibt in der Zeit alleine zuhause. Es sind zu Fuß etwa 20 Minuten. Unterwegs ruft mich das Kind an und ich versuche ihr am Telefon noch bei den Hausaufgaben zu helfen. Es gelingt mir ganz gut, mir meine Aufregung ihr gegenüber nicht anmerken zu lassen, damit sie sich keine Sorgen macht.

In der Praxis muss ich noch ein paar Minuten warten. Ich bezahle 560€. Dann begleitet mich eine Person, die sich mir als OP-Schwester vorstellt, in den Operationsraum. Ich solle alles bis auf mein T-Shirt ausziehen. Ich lege mich auf den Tisch. Die OP-Schwester verwickelt mich in ein Gespräch. Über Berlin. Wo ich wohne. Wie sich die Stadt in den letzten Jahren verändert habe. Was machen Sie beruflich? Sind Sie in Ihrem Job von der Corona-Krise betroffen? Wie alt sind Ihre Kinder? Sie erklärt mir, wie das mit dem Lachgas funktioniert. Ich solle schonmal zur Probe ein paar Atemzüge nehmen. Dann hängt sie ein Tuch über meiner Brust auf, so dass ich brustabwärts nichts mehr sehen kann. Sie desinfiziert die Operationsstelle.

Der Arzt kommt in den Raum. Geht es Ihnen gut? Ja, denke schon. Ich bekomme zwei lokale Betäubungen, eine in den rechten, eine in den linken Hoden. Es piekst jeweils kurz. In 10 Minuten geht es weiter, sagt der Arzt. Dann geht er erst einmal wieder aus dem Raum. Ich bin jetzt doch etwas nervös. Die OP-Schwester spricht weiter mit mir. Wahrscheinlich um mich zu beruhigen. Sie fragt, wie alt ich bin. Ich frage, ob ich damit eher zu den jüngeren gehöre, die hier auf dem OP-Tisch liegen. Das ändere sich etwas. Mittlerweile kämen viele in meinem Alter. Manche auch jünger. Was macht Ihre Frau beruflich? Für diese Frage habe ich keine vorbereitete Antwort. Ich habe schon etwas Lachgas geatmet und weiß für einen kurzen Moment nicht, was ich sagen soll. Ich habe keine Frau, sage ich und erzähle kurz von meiner Familienkonstellation.

So jemanden hatten wir schonmal hier, antwortet sie. So jemanden? Ich überlege, was sie damit meinen könnte. Er sei aber nicht für eine Vasektomie hiergewesen. Er habe auch für ein lesbisches Paar Samen spenden wollen und sie hätten ihn hierhergeschickt, damit er sich in der Praxis auf sexuell übertragbare Krankheiten testen lasse. Ob ich das auch gemacht habe, bevor ich mein Kind mit dem lesbischen Paar bekommen habe, fragt sie. Ja, habe ich.

Der Arzt kommt wieder in den Raum. Es geht jetzt richtig los. Ich atme Lachgas. Und schaue auf die Uhr. Das Gespräch zwischen der OP-Schwester, dem Arzt und mir dreht sich nun um die Corona-Krise. Ob viele ihre Termine abgesagt hätten, frage ich. Nur in den ersten ein, zwei Wochen Ende März. Ich schaue auf die Uhr. Nach 7 Minuten ist die linke Seite fertig. Dann rechts. Nochmal 7 Minuten. Sie haben schöne Samenleiter, sagt die OP-Schwester. Ich muss lachen. Das hat mir bisher niemand gesagt, antworte ich etwas verlegen und leicht benebelt. Ich frage mich, ob sie das zu allen sagt, die vor ihr auf diesem OP-Tisch liegen.

Die Wunden werden verklebt. Dann Kompressen drüber. Es sei alles gut gelaufen, sagt der Arzt. Er gehe nicht davon aus, dass es zu irgendwelchen größeren Schwellungen oder Einblutungen komme. Er verabschiedet sich. Die OP-Schwester erinnert mich daran, dass ich in den nächsten Tagen nicht mit meinen Kindern toben solle. In den nächsten 2 Wochen keinen Sport und erstmal keinen „Verkehr“. Zumindest in den nächsten 10 Tagen. Und auch dann erstmal noch nicht ungeschützt. Ob ich schon einen Termin ausgemacht habe für das Spermiogramm. Ja, habe ich. In 8 Wochen. Bis dahin solle ich am besten 20 bis 25 Mal „durchspülen“, sagt sie.

Den Rest des Tages solle ich mich aufs Sofa legen. Am besten mit zwei kalten Bierflaschen zwischen den Beinen, ergänzt die OP-Schwester. Sie lacht. Zum Kühlen. Und um etwas auf die Wunden zu drücken. Dann hilft sie mir in meine Unterwäsche. Ich ziehe meine Jogginghose drüber. Ob ich abgeholt werde? Ja, werde ich. Wie ich nach Hause komme. Mit dem Taxi. Gut, dann kann ich mich noch etwas ins Wartezimmer setzen und dann los. Ich bekomme einen Becher, den ich in 8 Wochen dann wieder mitbringen solle. Mit Sperma vom selben Tag. Wie viele Stunden das Sperma alt sei, sei nicht so wichtig. Die Spermien müssen nicht mehr leben. Es werde untersucht, ob sich überhaupt noch Spermien im Sperma befänden – tot oder lebendig.

Ich werde abgeholt. Mit den Kompressen ist meine Hose etwas ausgebeult. Im Fahrstuhl nach unten. Ich kann nur kleine Schritte machen. Ins Taxi. Etwa 2 Stunden nachdem ich los bin, bin ich wieder zuhause. Das große Kind fragt, ob alles gut gelaufen sei. Ja, ist es. Ich lege mir zwei kalte Wasserflaschen zwischen die Beine. Wir lachen über den Anblick. Wir bestellen uns unser Abendessen. Auch nachdem die lokale Betäubung nachlässt, habe ich keine Schmerzen.

Am nächsten Tag fühlt sich das Laufen noch etwas komisch an. Nach drei Tagen kann ich wieder duschen. Nach fünf Tagen mache ich wieder einen längeren Spaziergang. Nach einer Woche hole ich das noch nicht ganz so große Kind wieder mit dem Fahrrad aus der Kita ab. Der längere Spaziergang und das Fahrradfahren waren nicht die besten Ideen. Danach habe ich jeweils etwas Schmerzen. Nicht schlimm. Vielleicht eher ein unangenehmes Gefühl. Nach etwa zwei Wochen spüre ich keine weiteren Einschränkungen. Beim Spermiogramm nach 8 Wochen sowie nach einem weiteren wiederum 6 Wochen später werden keine Spermien mehr in meinem Sperma gefunden.

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