Bin ich ein Mann? Und wenn ja, warum?

Bin ich ein Mann? Und wenn ja, warum? Wenn Geschlecht das ist, was Menschen zugeschrieben wird, dann bin ich wahrscheinlich ein Mann. Irgendeine medizinische Person hat nach meiner Geburt anhand meiner äußeren körperlichen Merkmale entschieden, dass ich ein Junge sein soll. Und die Gesellschaft meint, Jungen sollen zu Männern werden bzw. in meinem aktuellen Alter bereits geworden sein. Und bezugnehmend auf die Entscheidung von vor mehr als 37 Jahren haben sehr viele Menschen diese Zuschreibung seitdem immer wieder wiederholt.

Nun gibt es Menschen, für die fühlt sich diese Zuschreibung gut an. Und es gibt Menschen, die wissen, dass diese Zuschreibung nicht viel mit der eigenen Identität zu tun hat. Wie die Menschen – egal, ob die Zuschreibung als passend empfunden wird oder nicht – das an sich erkennen, weiß ich nicht bzw. gibt es da eher eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen Antworten. Wenn es etwas über die Zuschreibung hinaus gibt, wo finde ich das? Wie kann ich herausfinden, ob mir das Mannsein „nur“ zugeschrieben ist oder ob ich „wirklich“ ein Mann bin? Gibt es dieses „Wirklich“ überhaupt? Und wenn ja, wie und wo ist das zu erkennen/spüren/fühlen?

Ich kann mich ziemlich lange mit diesen Fragen in meinem Kopf beschäftigen. Wenn ich abends nicht einschlafen kann. Oder morgens schon früh wach bin, weil ich es verlernt habe, lange auszuschlafen. Wenn ich Jugendlichen dabei zusehe, wie sie im Schwimmbad auf dem Sprungturm ihre Männlichkeit performen. Wenn ich in der U-Bahn im Gegensatz zum Typen gegenüber meine Beine eng übereinander schlage. Wenn ich zur Einschlafbegleitung neben meinen Kindern liege. Wenn mich in beruflichen Situationen Menschen „Herr König“ nennen. Und wenn meine Töchter „Mama“ zu mir sagen.

Wenn meine Kinder mich „Mama“ nennen, bin ich dann weniger „Mann“? Oder geht beides? Wenn ich „Herr König“ genannt werde, bin ich dann aber auch wirklich ein Mann? Kommt es vielleicht darauf an, was häufiger vorkommt? Montag bis Freitag: tendenziell eher Mann; Samstag und Sonntag: tendenziell eher Mama. Und was ist, wenn ich an meinem kindfreien Wochenende meine Leggings oder Netzstrumpfhose anziehe, um damit tanzen zu gehen?

Vielleicht bin ich ein Mann aufgrund fehlender Alternativen. Manchmal ist es vielleicht auch eine taktische Entscheidung. Wenn ich in Situationen die Identität „Mann“ akzeptiere, hat das auf jeden Fall teilweise ganz konkrete und unmittelbare Vorteile. In anderen Situationen bin ich viel lieber „Mama“ oder zumindest irgendwas anderes als „Mann“. Auch wenn mich diese Fragen in meinem Kopf manchmal tatsächlich ganz schön verunsichern, so finde ich es auch sehr spannend, darüber nachzudenken, mich darüber auszutauschen und andere Perspektiven darauf zu hören und zu lesen.

Als ich vor fast 20 Jahren nach Berlin kam, fand ich allein die Erkenntnis irgendwie „queer“ sein zu können, schon sehr befreiend. Ich kann mit dem Begriff noch immer sehr viel anfangen. In den letzten Jahren hat meine Auseinandersetzung mit meiner Geschlechtsidentität dann noch etwas an Fahrt aufgenommen. Bisher ohne irgendein brauchbares Ergebnis. Manchmal finde ich es befreiend, „in mir“ vielleicht gar nichts weiter an geschlechtlicher Identität finden zu müssen. Es gibt die äußere Zuschreibung und damit einen zugewiesenen Platz innerhalb der Gesellschaft voller Privilegien und Anforderungen. Damit muss ich umgehen. Und das auch unabhängig davon, ob ich in Bezug auf meine Identität eine eigene Position finden kann.

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