Vater sein, Mann bleiben?

Im letzten Jahr saß ich zusammen mit Michael Meuser auf einem Podium. Meuser ist Professor der Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund und erforscht unter anderem die Bedingungen, unter denen sich Geschlechterarrangements innerhalb von Familien verändern. Dafür hat er Interviews mit Eltern ausgewertet.

Er beschrieb in seinem Vortrag, wie die „Eroberung des weiblichen Territoriums“ innerhalb der Familie für Männer Fragen nach der „Kompatibilität von aktiver Vaterschaft und Männlichkeit“ evoziere. Um der Gefahr der Infragestellung der eigenen Männlichkeit bei einem Engagement innerhalb der Familie zu entgegnen, komme es auch bei „neuen“ Vätern zu einer „Bezugnahme auf das symbolische Inventar hegemonialer Männlichkeit“.

Dazu erzählte er eine Beispielgeschichte aus den untersuchten Interviews. Ein Vater berichtete in den Interviews über sein Gespräch mit seinem Chef, in dem er ihm mitgeteilt habe, Elternzeit nehmen zu wollen. Da dieser Wunsch nach Elternzeit dem eigenen Bild von Männlichkeit widerspricht, sei die Männlichkeit in der Erzählung auf anderem Wege wieder neu konstruiert worden. Der Vater habe gegenüber seinem Chef „stark“ verhandelt und sich letztendlich „durchgesetzt“. Männlichkeit, die durch Elternzeit verloren geht, muss durch die Bezugnahme auf klassisch männliche Eigenschaften wie Stärke und Durchsetzungskraft wiederhergestellt werden.

Im Workshop, den ich bei der gleichen Veranstaltung im Anschluss gegeben habe, erzählte mir ein Mitarbeiter einer Beratungsstelle für Väter, dass ein guter Teil seiner Beratungsarbeit daraus bestehe, mit Vätern genau über dieses Dilemma zu sprechen und wie es gelingen könnte, ihr Engagement gegenüber den eigenen Kindern in ein Framing klassischer Männlichkeit einzubauen. Für ihn hatte es etwas Emanzipatorisches zu sagen: Du bist weiterhin genauso Mann, auch wenn du dich um deine Kinder kümmerst.

Beinahe regelmäßig hatte ich in den letzten Jahren Konflikte mit dem Berliner Väterzentrum. Das hat eine Zeitlang mit dem Slogan „Vater sein, Mann bleiben“ geworben. Und das Mittel, wie diese Väter Männer bleiben können, obwohl sie sich für zwei Monate um ihre Kinder kümmern, war bzw. ist, dass in den Räumen des Väterzentrums ein Tischkicker und eine Carrera-Bahn aufgebaut wurde. Männer interessieren sich eben für Fußball und Autorennen. Und wenn sie es nicht tun, so haben sie dadurch die Möglichkeit, ihre durch die Elternzeit verlorene Männlichkeit wiederherzustellen.

Vor ein paar Tagen habe ich auch darüber geschrieben, wie mein Leben mit meinen Kindern meine Männlichkeit in Frage stellt. Darunter finden sich unter anderem aufmunternde Kommentare – zumindest verstehe ich die Kommentare so. Die Aufmunterung brauche ich aber gar nicht. Die Infragestellung meiner Männlichkeit ist nichts, was irgendwie geheilt werden müsste.

Klar, man kann versuchen, das Spektrum für Männer zu erweitern und sowas wie Fürsorglichkeit und Engagement gegenüber den eigenen Kindern als ebenso männlich definieren, um die genannten Widersprüche aufzulösen. Aber warum? Jede Bezugnahme auf Männlichkeit behauptet, dass es etwas gäbe, das Männer können, Frauen aber nicht. Wenn Männer durchsetzungsstark sind, um sich gegenüber ihrem Chef ihre Elternzeit zu erkämpfen, sind es Frauen nicht. Wenn Frauen auch durchsetzungsstark wären, hätte das wiederum nichts mit Männlichkeit zu tun und die Männer, die unbedingt Männer bleiben wollen, müssten sich etwas anderes suchen, um ihre Männlichkeit herzustellen, sich von Frauen abzugrenzen und damit etwas zu definieren, was Frauen angeblich nicht (oder nicht so gut) können. Das Beharren auf der eigenen Männlichkeit ist damit zwangsläufig mit Abwertung von Weiblichkeit verbunden.

Als ich dem Mitarbeiter der Beratungsstelle bei meinem Workshop erzähle, dass ich es auch ok finde, dann eben kein Mann zu sein, wenn das nicht mit meinem Engagement für meine Kinder vereinbar ist, ist das für ihn und auch die anderem in dem Workshop das erste Mal, dass sie so etwas hören.

Andreas Hechler beschreibt seine Zweifel am Konzept „Männlichkeit“ in seinem sehr spannenden Text im Ficko-Magazin unter anderem mit Bezug auf die Soziologin Raewyn Connell als „Schwindelgefühle“. Das klingt nicht unbedingt nur positiv und ich habe in meinem Text vor ein paar Tagen auch geschrieben, dass mich das durchaus manchmal verunsichert. Ehrlich gesagt, freue ich mich aber auch sehr darüber, durch die Welt zu taumeln und nicht immer genau zu wissen, was ich denn nun wirklich bin.

1 Antwort

  1. Siamsa sagt:

    Eine Definition von Männlichkeit als das, was Frauen nicht sind, funktioniert nicht. Auf die Zuschreibung von Männlichkeit zu verzichten, „löst“ das Problem aber auch nicht, auch wenn der Gedanke auf manche befreiend wirken mag. Um es mit Antje Schrupp zu sagen: Die Geschlechterdifferenz ist nicht binär!
    Schönen Urlaub noch, ich freue mich auf weitere Texte!

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