Ja, Nein, Vielleicht – Sex und Konsens

Wir sitzen zusammen in meiner Wohnung. Martina und ich. Wir haben uns über Tinder kennengelernt. Es ist unser viertes oder fünftes Date. Ich habe einen Tee gekocht. Es ist früher Abend. Wir haben beide einen langen Arbeitstag hinter uns. Meine Kinder sind bei ihren Müttern. Wir unterhalten uns ein paar Minuten darüber, was wir am Tag erlebt haben, über unsere jeweilige Lohnarbeit und das Wetter. Dann hole ich meinen Laptop und öffne zwei Dateien.

Nachdem ich gemeinsam mit Blu von queer_topia* vor einigen Wochen im Fernsehen eine Talkshow über #metoo gesehen habe, zeigte mir Blu einen Fragebogen bzw. eine Checkliste mit über 200 Fragen über eigene Bedürfnisse, Vorlieben und Grenzen im Kontext von Sexualität zur Unterstützung der Kommunikation über Sex und Konsens. Ein paar Tage vor dem Date mit Martina habe ich ihr diesen Fragebogen geschickt. Wir haben verabredet, die Fragen unabhängig voneinander zu beantworten und uns die Antworten zuzuschicken. Nun sitzen wir zusammen nebeneinander auf meinem Bett. Mein Laptop liegt auf meinem Schoß, unsere jeweiligen Antworten vor uns.

Ich bin etwas unsicher und verlegen. Wir wissen schon etwas übereinander und hatten auch schon gemeinsamen Sex. Eines unserer bisherigen Dates fand auf einer sexpositiven Party statt. Dennoch fällt es mir nicht so leicht, ohne Alkohol, sehr explizit, vergleichsweise sachlich und doch persönlich über Sex zu sprechen.

In den ersten Fragen geht es darum, wie es für uns ist, von der jeweils anderen Person angefasst zu werden. Mit oder ohne vorherigem Nachfragen. Zuhause oder in der Öffentlichkeit. Mit oder ohne sexueller Konnotation. Es geht darum, wie wir es finden, uns nackt voreinander zu zeigen. Komplett oder teilweise nackt. Bei schwachem oder hellem Licht. Wir sind uns an vielen Stellen einig und haben ähnliche Vorstellungen. Das Gespräch wird sicherlich auch dadurch mit der Zeit etwas einfacher und lockerer. Martina fällt es leichter, ich finde es immernoch ungewohnt, auf diese Art und Weise über diese Themen zu sprechen.

An manchen Stellen sind wir uns beide unsicher, wie die Fragen zu verstehen sind. Geht es darum, worauf wir große Lust haben? Oder darum, was wir in Ordnung finden oder uns zumindest grundsätzlich vorstellen können? Wir sprechen an diesen Stellen eher über die Fragestellung an sich und nicht so sehr über uns persönlich. Manche Fragen interessieren uns weniger, wir gehen etwas schneller voran. Dann kommen wieder spannendere Fragen.

Ob wir uns vorstellen können, zu zweit, zu dritt, zu viert oder mit noch mehr Personen gleichzeitig Sex zu haben. Wir erzählen uns ein paar Geschichten aus unserer Vergangenheit. Dann geht es um den Einsatz von Verhütungsmitteln. Es geht um regelmäßige Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten, unseren jeweils letzten Test sowie die Ergebnisse dieser Tests.

Wir rücken etwas näher zusammen und fangen an, uns auszuziehen. Wie finden wir es, vor einer anderen Person zu masturbieren? Die Antworten auf die Fragen in der Liste sehen jeweils nur die Möglichkeiten Yes, No und Maybe vor. Um genauere Infos über unsere jeweiligen Vorlieben und Grenzen zu bekommen, reicht es nicht aus, unsere Antworten anzuschauen. Wir müssen und wollen ausführlicher darüber sprechen. Warum Maybe? Unter welchen Bedingungen Ja? Unter welchen Bedingungen Nein?

Kitzeln? Gekitzelt werden? Beißen? Gebissen werden? Welche Körperstellen sollen gerne angefasst werden? Welche nicht so gerne? Wie ist es, im Kontext von Sex geschlagen zu werden oder zu schlagen? Wir sprechen über Macht und Kontrolle beim Sex und darüber Macht und Kontrolle abzugeben. Mittlerweile ist es kein sachliches Gespräch mehr. Wir küssen uns zwischendurch und fassen uns gegenseitig an.

Schauen wir Pornos? Können wir uns auch vorstellen, zusammen Pornos anzuschauen? Dann wird es nochmal sachlicher. Wie wäre unser Umgang mit einer möglichen Schwangerschaft? Es lohnt sich, sich daran zu erinnern, dass beim Sex zwischen manchen Menschen, Schwangerschaften entstehen können. Ich möchte kein weiteres Kind, aber solange ich mich noch nicht endgültig für eine Vasektomie entschieden habe, muss ich beim Sex mit bestimmten Menschen davon ausgehen, dass trotz Verhütung eine Schwangerschaft entstehen kann. Ich bin dann nicht die Person, die darüber entscheidet, ob diese Schwangerschaft abgebrochen oder ausgetragen wird und muss und will in diesem Fall jegliche Entscheidung bedingungslos mittragen.

Wir sind alle Fragen durchgegangen. Unser Gespräch darüber hat etwa eine Stunde gedauert. Ich koche noch einen Tee. Wir sprechen darüber, was wir am nächsten Tag jeweils vorhaben, auf welche Uhrzeit ich den Wecker stellen muss und über die weiteren Wetteraussichten. Wir freuen uns über die Nähe, die durch das Besprechen der Fragen zwischen uns entstanden ist. Wir haben über all diese Themen schon mit anderen Menschen gesprochen, aber noch nicht so strukturiert und in dieser Form.

Mit unserem Gespräch sind nicht alle Fragen zwischen uns ein für alle Mal geklärt. Im Gegenteil, es sind viele Fragen offen geblieben, die entweder gar nicht vorkamen oder deren Beantwortung etwas komplexer ist. Aber wir wissen nun voneinander, an welchen Stellen es sich lohnt, weiterzusprechen und ich denke, dass es mit jedem Gespräch einfacher wird, die eigenen Bedürfnisse, Vorlieben und Grenzen offen auszusprechen. Wir freuen uns darüber, manches in der Praxis auszuprobieren, worüber wir gesprochen haben. Heute Abend oder vielleicht ein anderes Mal.

5 Antworten

  1. David sagt:

    Inspirierender Artikel. Wo finde ich den Fragebogen?

  2. Anna sagt:

    Würde mich auch interessieren!

  3. Gudrun sagt:

    Hey, solche Fragebögen gibt es auch (nicht nur rein auf Sex(ualität) bezogen) auch im Sinne einer „Ehevorbereitung“ 😉 Es führt auf jeden Fall dazu, dass man sich mal intensiver miteinander auseinandersetzen kann.
    Ich bin über die Seite familyship auf deinen Blog gestoßen und bin noch am rumstöbern und stauen und versuche, das hier Geschriebene einzusortieren, was wohl nur bedingt gelingen wird ;). Was auf deinem Blog auf jeden Fall gut rüberkommt, ist deine Offenheit in Bezug auf Familie, Sexualität, Männlichkeit und Feminismus.
    Aber was ist eigentlich mit dem guten alten „erst kennenlernen“ bevor es zur Sache geht?
    PS: Wie ging es denn mit Martina weiter? 😉

  1. 31. März 2018

    […] jochen könig hat einen schönen text über seine erfahrungen mit einer konsens-checkliste zu bedürfnissen und kommunikation beim sex geschrieben. den text findest du hier […]

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